Stand: 28.11.2019 16:54 Uhr

Über digitale Zukunft

von Natascha Freundel

Wenn der Bundestag generaldebattiert, wird viel auf Smartphones gestarrt oder herumgewischt. Warum ist das so? Weil die Zukunft digital ist! Was bedeutet das für unser Miteinander und die Medien?

Natascha Freundel hat nachgedacht.

"Mein Fall ist, in Kürze, dieser: Es ist mir völlig die Fähigkeit abhanden gekommen, über irgend etwas zusammenhängend zu denken oder zu sprechen." Kriegen Sie keinen Schreck, das ist nicht neu und nicht von mir. Im Herbst vor 117 Jahren erschien der Chandos-Brief von Hugo von Hofmannsthal. Wahrscheinlich liegt es am glitschigen Laub auf den Straßen, dass mir dieser erfundene Brief eines gewissen Philipp Lord Chandos an den englischen Philosophen Francis Bacon wieder in den Sinn gekommen ist. Dieser Lord Chandos wurde berühmt mit der stilsicheren Beschreibung, gewisse Worte, "deren sich doch die Zunge naturgemäß bedienen muss, um irgendwelches Urteil an den Tag zu legen", "zerfielen" ihm "im Munde wie modrige Pilze".

Chandos alias von Hofmannsthal meinte "abstrakte Worte", so Sachen wie "Geist", "Seele" oder "Körper", Themen von anno Dutzig eben, die - mal abgesehen von allem Körperlichen - offenbar nicht besonders zukunftsträchtig waren. Mein Fall ist, in Kürze, dieser: Es ist mir völlig die Fähigkeit abhandengekommen, über irgendetwas Zukunftsträchtiges zusammenhängend zu denken oder zu sprechen. Sehen Sie mir daher die losen Gedanken an dieser Stelle nach.

Es schadet nie, genau hinzusehen

Natascha Freundel © NDR Foto: Christian Spielmann

NachGedacht: Über digitale Zukunft

NDR Kultur - NachGedacht -

Wenn der Bundestag generaldebattiert, wird viel auf Smartphones gestarrt oder herumgewischt. Warum ist das so? Weil die Zukunft digital ist! Was bedeutet das für unser Miteinander?

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Die Zukunft ist digital. So lautet die Message unserer Zeit. Der 'global citizen' kommuniziert digital, was mitunter zu Kollisionen im Straßenverkehr führt. Und weil sich die Bundestagsmitglieder intensiv um unsere Zukunft kümmern, kann es nur richtig und zeitgemäß sein, dass sie in ihrer Generaldebatte intensiv mit ihren smarten Geräten beschäftigt sind, zufällig gerade dann, wenn eine Rednerin oder ein Redner einer anderen Partei gerade am Pult steht. Was in jedem Klassenzimmer (bislang) undenkbar ist, gehört hier zur politischen Kultur, in der man den Blick nur noch dann zu heben scheint, wenn es gilt, eine bedrohliche Geste auszumachen, etwa die sogenannte "Kopf-ab-Geste". Die lässt sich dann nämlich besonders wirksam auf 'social media' verbreiten. Allerdings schadet es nie, genau hinzusehen, ob es sich nicht doch um einen unterdrückten Hustenanfall handelt.

Gerne eine Nachricht per Brieftaube

Sie ahnen es, ich gehöre zu den irgendwo im vergangenen Jahrhundert steckengebliebenen Mitdenkerinnen, die (noch) nicht davon überzeugt sind, dass 'social media' besonders sozial ist. Zugleich kann ich nicht die Augen davor verschließen, dass wir mit den ehemals modernen Medien immer weniger Menschen erreichen. Also versuche ich, gedanklich und praktisch, von "analog" auf "digital" umzuschalten. Zerfielen mir nur diese Worte nicht im Munde wie modrige Pilze… Was heißt denn "analog"? Als Gegensatz zu "digital" scheint es nichts mehr mit dem ebenfalls aus der Mode geratenen Begriff "Analogie" zu tun zu haben, es sei denn, das Analoge würde als Analogie zum Digitalen verstanden werden. Was wir ehedem als "echtes Leben" bezeichneten, wäre somit nur ein Abklatsch des virtuellen Lebens. Bis auch das "analoge Autofahren", das "analoge Telefonieren" oder das "analoge Radio" Schnee von gestern sind.

Statt "analog" wird fürs Radio oder Fernsehen neuerdings auch gern das Wort "linear" verwendet. Wobei kein Zweifel zu bestehen scheint, dass "linear" ein Gleis ist, das ins Abseits führt; "digital" dagegen fahren wir direkt in die Zukunft. Bald ist vielleicht auch von "linearem Autofahren", "linearem Sex" oder "linearem Abendessen" die Rede, wer weiß. Ich kann mit dem Wort wenig anfangen, weil ich immer glaubte, unser Radioprogramm sei gar nicht "linear", also auf einer Linie, sondern es sei im besten Falle vielfältig, widersprüchlich, perspektivreich, wie das echte Leben eben. Bestimmt bin ich betriebsblind, und Sie haben genauere Vorstellungen von den Medien der Zukunft. Dann wäre ich Ihnen für eine Nachricht per Brieftaube dankbar.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | NachGedacht | 29.11.2019 | 10:20 Uhr