Stand: 17.01.2019 18:24 Uhr

Toxische Männlichkeit

von Ulrich Kühn

Diskussionen über Geschlechterrollen und das Geschlechterverhältnis haben Konjunktur. So sehr, dass jetzt eine gewinnorientierte Firma, die Produkte für Männer herstellt, gegen ein Männerbild kämpft, das sie lange beworben hat. Was ist da los? Ulrich Kühn hat nachgedacht.

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NachDenker Ulrich Kühn

Dies vorweg: Ich persönlich glaube nicht daran, dass ich, nur weil ich ein Mann bin, vergiftet bin oder toxische Wirkung entfalte. Mag sein, dass es trotzdem so ist, aber um leben zu können, muss man sich an den Glauben klammern, dass es, falls man giftig wirkt, wenigstens nicht am Mann-Sein liegt.

Wie dieser skurrile Gedanke in mein Hirn fand? Die Sache ist die: Wer als Mann keinen Bart tragen möchte, muss dafür sorgen, dass keiner wächst. Er will aber wachsen, der Bart. Also muss man ihn daran hindern. Sie kennen den Vorgang, er nennt sich Rasur, und was mich betrifft, so habe ich im Laufe der Jahre eine Mutation durchlaufen vom Trocken- zum Nassrasierer. Welche Abgründe für diese Entwicklung verantwortlich sind, wäre eine Frage für meinen Lieblings-Psychiater Dr. Brack. Aber ich bin nicht das Thema, das Thema sind die Firma Gillette und die toxische Männlichkeit.

Wie ein Mann sich benehmen sollte

Der berühmte Rasierklingenproduzent erregt dieser Tage Aufsehen mit einem neuen Werbefilmchen. Die Firma stellt nicht nur, nach eigenem Anspruch, superscharfe Klingen her, sie warb dafür zuverlässig mit superscharfer Männlichkeit, die das blitzblank-kantige Kinn als Signal der Stärke preist und den schmutzig-finsteren Blick als Beweis - ja, wessen? Egal. Machos müssen nichts beweisen.

Mit dieser Herrlichkeit ist es vorbei. Ist es wirklich "das Beste im Mann", fragt der neue Werbefilm, dies Prügeln unter Jungs, während grillende Papas rufen: "Jungs bleiben Jungs bleiben Jungs"? Dies Runtermachen von Mitarbeiterinnen durch Chefs? Dies Sich-Daneben-Benehmen? Ist es das? Aber nein, sagt der Film und zeigt dann, wie ein Mann sich benehmen sollte, um ein Vorbild zu sein.

Typisch toxische Reaktion

Dagegen ist wenig zu sagen, außer vielleicht, dass es den Klingenmachern reichlich früh aufgefallen ist, wie sich eine aktuelle Debatte gewinnträchtig nutzen lässt. Was mich umtreibt, ist der Begriff "toxische Männlichkeit", der überall auftaucht, wenn es um diese Werbung geht. Wer dauernd hört, dass er toxisch ist, weil ihn angeblich ein Männerbild prägte, das einem giftigen Cocktail gleicht, der ruht nicht in seiner Mitte. Einige Männer verkünden jetzt, Klingen und Rasiergels einer Firma, die auf solche Art für sich wirbt, nicht mehr benutzen zu wollen. Sie wollen sich wohl nicht sagen lassen, dass ihre Seelen-Mitte einem Giftpfuhl gleichkommt. Na bitte, typisch toxische Reaktion, schallt es ihnen entgegen. Andere neigen eher dazu, verunsichert zu reagieren. Und deshalb habe ich doch zum Hörer gegriffen, um Dr. Brack zu befragen.

"Lieber Dr. Brack, dass ich verunsichert bin, kann mir ja egal sein, ich bin über 50, ein alter Mann. Aber was macht es mit Jungs, wenn ihnen gesagt wird, sie wüchsen automatisch zu giftigen Wesen heran?"
"Lieber Herr Kühn, so ist das mit der toxischen Männlichkeit nicht gemeint. Und das wissen Sie auch. Ich weiß, was Sie in Wahrheit ärgert."
"Nichts. Ich bin verunsichert."
"... und deshalb sogar ein bisschen wütend, im Rahmen Ihrer Möglichkeiten. Man spürt das nicht immer selbst."
"Klar, Männer sind taub für ihre Gefühle, schon gut. Was ärgert mich denn, Ihrer Meinung nach?"
"Genau das. Sie wollen nicht in Schubladen gepackt werden. Sie wollen nicht, dass man Ihnen allein aufgrund Ihres Geschlechts Eigenschaften zuschreibt, die Sie vielleicht gar nicht haben. Das finden Sie ungerecht."
"Aber das ist ungerecht!"
"Klar. Ihr Ärger ist in Ordnung, das sage ich als Psychiater. Er darf nur nicht den Blick verstellen für die größeren Ungerechtigkeiten. Und dass es die gibt, werden Sie wohl nicht leugnen."
"Keinesfalls. Aber das Thema ist halt so befrachtet, man wird so leicht missverstanden, wenn man versucht, in Ruhe zu erklären, was man darüber denkt. Allein schon über diese Klingen-Werbung."
"Versuchen Sie's einfach, Herr Kühn."

Sagt er so, der Brack. Ich würde seinem Rat ja gern folgen. Doch die Kolumne ist leider zu Ende. Wenn ich wenigstens wüsste, was Sie darüber denken...

Ulrich Kühn © NDR Foto: Christian Spielmann

Toxische Männlichkeit

NDR Kultur - NachGedacht -

Mit einem neuen Werbespot sorgt eine berühmte Rasierklingenfirma für Aufsehen. Darin kämpft sie gegen ein Männerbild, das sie lange beworben hat. Was ist da los? Ulrich Kühn hat nachgedacht.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | NachGedacht | 18.01.2019 | 10:20 Uhr