Stand: 06.02.2020 18:30 Uhr

Thüringen: Dumm gelaufen, Machiavelli

von Ulrich Kühn

Welch eine Woche der Turbulenzen. So etwas wie in Thüringen hat die Republik noch nicht gesehen. Demokratiekultur adieu, willkommen, Machiavellismus? Ulrich Kühn hat nachgedacht.

Ulrich Kühn © NDR Foto: Christian Spielmann
Ulrich Kühn ist Leiter der Literaturredaktion bei NDR Kultur.

Vielleicht war es nur eine Frage der Zeit. Vielleicht musste einmal der Moment kommen, in dem ein Möchtegern-Machiavellist durch einen ebenso verantwortungslos wie täppisch geführten Schachzug in einem Spiel, das keines ist, dem Desaster die Tür öffnete. Die dürftigsten Machiavellisten sind die, die alles für die Macht tun, aber nicht schlau genug sind, die Folgen ihrer Winkelzüge zu überblicken. Ich weiß nicht, an wen Sie denken, während ich so vor mich hinplappere.

Ich könnte nichts dafür, dächten Sie zufällig an einen Herrn, der im Wahlkampf mitteilte, er trage zwar Glatze, sei aber historisch gebildet - anders als jene Glatzen, die blankrasierte Schädel als Hass-Bekenntnis spazieren tragen. Dächten Sie zufällig an diesen Herrn - nein, ich könnte dafür nichts. Niemand kann für irgendetwas. 'Die Rechten haben mich gewählt? Ja, was kann ich dafür? Ich nehme die Wahl an, aber meine Brandmauer steht.' Liebe NachGedacht-Freunde, lasst uns Halleluja singen! Ein Halleluja auf die Klugheit! Aber nicht die Klugheit des Mannes, der plötzlich Ministerpräsident war: Ministerpräsident für einen Tag. Der hat durch das Gegenteil geglänzt, im Volksmund Dummheit genannt.

Einige glaubten noch an den eigenen Triumph

Dabei hätte er nur nachdenken, dieser absurden Idee nachspüren müssen: Ein Demokrat lässt sich in ein hohes Amt wählen von Leuten, die es gelüstet, mit der Demokratie abzurechnen. Er wäre dann also gewählt. Und hätte aber nichts in der Hand, das sich nicht gegen ihn nutzen ließe. In exakt dem Moment, in dem er die Wahl annimmt, klebt er an der Leimrute, die jene ihm hingelegt haben: die wahren Machiavellisten, strategisch abgefeimt, frei von Skrupeln. Er hätte das wissen müssen: dass sie zu solchen Manövern in der Lage sind. Vorher. Aber nein. Er wollte schlauer sein als er selbst.

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Denn was immer ab jetzt geschah - Wasser auf ihre Mühlen: War doch alles korrekt gelaufen! Und wie nun, die Kanzlerin wünscht, dass die Sache zurückgenommen werde? Der Gewählte zieht zurück, sein Parteichef stellt die Vertrauensfrage? Landtags-Auflösung, Neuwahlen, Larifari, was immer noch kommen mag: Das nennt ihr Demokratie? Dabei war doch der Inbegriff von Demokratie, dass eine verzwergte Partei, die ein paar Dutzend Stimmen über den Durst bekommen hat, den Ministerpräsidenten stellte! Der Hohn der Machiavellisten. Und einige in der kleinen Partei, die so lange daran gewöhnt war, als Schwanz mit dem Hund zu wedeln - einige glaubten noch an den eigenen Triumph.

Das alles war bis Mittwoch Gedankenspiel. Dann nicht mehr. Die Tür war offen fürs Desaster. Diejenigen, die es durch rechtzeitiges Nachdenken hätten verhindern müssen, waren dazu nicht in der Lage. Dass zwei Parteien ihre geliebten Werte mal kurz an der Landtagsgarderobe abgeben, weil im Saal gerade ein anderes Spiel gespielt wird - wer macht das ungeschehen? Und war von den Spitzen dieser Parteien wirklich niemand imstande, ein so selbstvergessenes Spiel von vornherein unmöglich zu machen durch die Kraft des Arguments?

Eine traurige Woche

Ach, es war viel los in dieser traurigen Woche. Das Bild, als Nancy Pelosi das Manuskript der Rede von Donald Trump zerriss! Stark, aber bekehrt das irgendeinen seiner Wähler? Das Bild, als die Landeschefin der Linken dem neuen thüringischen Ministerpräsidenten den Gratulationsstrauß vor die Füße warf! Wuchtig, aber juckt das Machiavellisten? Die Schleuse ist aufgetan.

In dieser traurigen Woche ist George Steiner gestorben, ein großer Literaturwissenschaftler, der Zeuge eines Jahrhunderts, das Juden wie ihn über Kontinente jagte und mordete, in dem zwei europäische Bürgerkriege zu Weltkriegen wurden. 2006 erschien Steiners Buch "Warum Denken traurig macht". Elegant schreibt er über zehn mögliche Gründe für die Melancholie, die durchs Denken entsteht, das uns zu Menschen macht. Ein sehr schönes Buch eines sehr klugen Menschen. Manchmal reicht es aber schon aus, die Augen aufzumachen und in die Welt zu blinzeln, um hinreichend traurig zu sein.

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NDR Kultur | NachGedacht | 07.02.2020 | 10:20 Uhr

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