Stand: 03.09.2020 17:49 Uhr

Sprecht kühles Bundesbürgerdeutsch!

von Ulrich Kühn

Ein Völkchen stand auf, ein Stürmchen brach los - das hättet ihr wohl gern. Da fauchte was bis zum Treppenende und brach dann in sich zusammen. Das Völkchen zeigte sich als ins rechte Seitenaus verblasenes Häufchen, das in frivoler Schieflage auf der Corona-Woge ins Ziel surfen wollte. Ewiges Entsetzen hat das üble Manöver nicht verdient, das Reichsflaggenträger vor die Reichstagstür brachte. Von nur drei Polizisten am Zutritt gehindert! Die wären noch ein Thema für sich: Jüngst unter Generalverdacht, jetzt schon Helden der Demokratie - sind halt verrückte Zeiten.

Wider Willen im falschen Spiel

Die Parlamentstreppen-Strampler und, so viel Sorgfalt muss sein, Parlamentstreppen-Stramplerinnen betteln um historischen Anschluss. Der Sturm auf die Bastille, der Sturm aufs Winterpalais - Geschichte wird gern herbeigestürmt. Wer neuerdings "Sturm auf den Reichstag" googelt, landet wie selbstverständlich beim vergangenen Wochenende. Tausend Mal lesen wir, wie "verstörend" und "erschütternd" die Bilder wirkten. Zweifellos, das war hässlich, peinigend, hätte nie passieren dürfen. Die Reichsflagge hat dort schon gar nichts verloren, sie war bis 1935 die Flagge des "Dritten Reichs". Wenn man allein an Bilder glaubt, war's ein Fanal für die Demokratie. Doch wer da einen "Sturm" sehen will, spielt wider Willen im falschen Spiel.

Dem Pathos den Boden wegziehen

Die deutsche Legende von Volk und Sturm beginnt 1813 mit dem Gedicht "Männer und Buben" von Theodor Körner. Mannhaftigkeitsdampfend hebt das wüste Poem bei vollem Befreiungspathos an:

 "Das Volk steht auf, der Sturm bricht los.
Wer legt noch die Hände feig in den Schoß
Pfui über dich Buben hinter dem Ofen
Unter den Schranzen und unter den Zofen
Bist doch ein ehrlos erbärmlicher Wicht
Ein deutsches Mädchen küßt dich nicht". Theodor Körner

Geküsst wird bei Körner nämlich nur, wer fürs Vaterland stirbt. Wie man diesem Pathos den Boden wegzieht, zeigt Tucholsky in seinem unsterblichen Text "Wo kommen die Löcher im Käse her?" Da driftet eine freundliche familiäre Fragestunde immer weiter ab. Und bevor sie in Farce, Frust und Feindschaft endet, zitiert der schlaue Autor schnell noch Körners Volk und Sturm. Sprich: Es folgt nix Gutes draus. Wie man aus Körners Idee vollends ein Monstrum macht, zeigte dann der Sportpalast-Appell des Nazi-Propagandaministers, der sein Publikum verhetzte - und dafür verachtete: Goebbels predigte den "totalen Krieg", brüllte am Ende von Volk und Sturm und sprach anschließend unter Vertrauten von der "Stunde der Idiotie".

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Stephanie Pieper, Ulrich Kühn, Claudia Christophersen und Alexander Solloch. © NDR Foto: Christian Spielmann

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Klare Gedanken und einen präzisen Spott

Was folgt jetzt daraus? Vielleicht, dass wir gerne scharf hinhören dürfen, wenn unsere liebe offene Sprache gekapert wird. "Wir", damit meine ich die politisch kunterbunten Millionen, denen an demokratischem Streit und gutem Zusammenleben liegt, also die riesige Mehrheit. Die, die mit Meinungsfreiheit nur ihr angemaßtes Recht auf unwidersprochenes Pöbeln meinen, schützen die freie Rede nicht. Sie versuchen im Gegenteil, in die Hirne Begriffe zu schleusen, die das Sprechen prägen sollen: Wörter wie "Volk" oder "Sturm".

Auch wenn wir von "Reichsbürgern" reden, oft schon ohne Anführungszeichen, kleben wir am Sprachleim. Dagegen hilft's dann nicht allein, "verstört" und "erschüttert" zu sein. Wer in der Emotionsfalle steckt, auf Twitter und anderswo, fasst nur schwer einen klaren Gedanken. Aber: Wir brauchen klare Gedanken, eine genaue Sprache, einen präzisen Spott. Dabei hilft uns der kühle Kopf, der zu dem heißen Herzen gehört, das in komischen Zeiten schneller und fester schlägt - fürs offene Gespräch, für lust- und respektvolles Meinungsgetümmel, kurz, für die Lebendigkeit.

Sprecht kühles Bundesbürgerdeutsch! Das wäre mal eine lustige Übung und ein hübscher Anfang, aus der "Verstörung" herauszufinden, die im Empörungskrawallgetöse wie ein hilfloses Schweigen wirkt.

Ulrich Kühn © NDR Foto: Christian Spielmann

AUDIO: Sprecht kühles Bundesbürgerdeutsch! (4 Min)

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NDR Kultur | NachGedacht | 03.09.2020 | 10:20 Uhr

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