Stand: 25.06.2020 16:30 Uhr

Zum komplizierten Umgang mit der Geschichte

von Claudia Christophersen

Die Schlacht um die Denkmäler hat begonnen. Wie soll damit umgegangen werden? Donald Trump lässt bestrafen und will abschrecken. Liberale Gesellschaften sollten nach neuen Formen des Erinnerns suchen.

"I can't breathe" rufen sie seit dem 25. Mai. Es waren die letzten Worte von George Floyd. 8 Minuten 46 Sekunden lang drückte das Knie eines weißen Polizisten auf den Hals des Afroamerikaners. 16 Mal hatte er gewimmert: "Ich kann nicht atmen". Bis er das Bewusstsein verlor und starb.

Ein Video wurde gepostet und hat die Szene um die Welt gejagt. Seitdem gehen Menschen auf die Straßen, protestieren gegen brutale Polizeigewalt, gegen Rassismus, gegen die Unterscheidung von Schwarz und Weiß. Hinterfragen die Geschichte und ihre Helden. In der Menge, in der Gruppe wachsen Wut und Zorn.

"I can't breathe."

Es geht um eine lange, sehr lange Geschichte. Wer spielte welche Rolle, wer hielt sich für etwas Besseres und glaubte an das Geschäft mit Menschen, die wegen ihrer Hautfarbe angeblich nur zu niederen Diensten taugten? Dafür ein ehrenwertes Denkmal? Für den Sklavenhandel auf den Sockel gesetzt? Das sind nicht nur Fragen, das ist ein Unrecht, das über Jahrhunderte tradiert wurde und in diesen Tagen akut auf Unverständnis, auf Aggression stößt.

Die Vergangenheit neu sortieren

Die schlichte Antwort - das meinen nicht wenige - Vergangenheit muss neu sortiert, die falschen Denkmäler müssen abgeschlagen werden. Also wird der Protest flankiert von Gewalt, von Radikalität, von Zerstörung. Menschen randalieren in den USA, in Australien, Asien, Europa, machen kaputt, was andere für verehrungswürdig hielten und halten. Schluss mit der Verklärung der einstigen, bösen Helden! Denkmalsturz in London, Antwerpen, Brüssel, Berlin oder Hamburg. Bismarck, stolz und erhaben im Schleepark, musste sich Farbbeutel gefallen lassen. Auch das löst Empörung aus: Der Schriftsteller Uwe Timm mahnt im "Spiegel" kritisches Geschichtsbewusstsein an. Statuen sollten so inszeniert werden, dass sie "nicht weiter unhinterfragt betrachtet werden können". Ihr Sturz aber sei vor allem eins: "geschichtslos".

Altbekannte Muster stecken dahinter, geht es um Attacken auf Symbole im öffentlichen Raum. Schon den Skulpturen der alten Ägypter und Griechen wurden die Nasen abgeschlagen. Die Furcht vor den ehrenwerten Göttern war groß. Ohne Nase keine Atmung, keine Gefahr, keine rachevolle Einmischung im Hier und Jetzt. Bilderstürme in unterschiedlichster Form durchwehen die Geschichte: Reformation etwa, Französische Revolution. Die DDR verabschiedet sich mit einer abmontierten, schwebenden Statue: "Good bye, Lenin!". Oder wohlinszeniert auch der Sturz der monumentalen Saddam Hussein-Figur in Bagdad. Und heute, im Jahr 2020? Menschen wollen nicht mehr mitansehen, wie andere beleidigt, erniedrigt, geschlagen, getötet werden.

Good bye, Lenin!

Der gewaltsame Tod von George Floyd ist eine Zäsur: "Black Lives Matter!". Leben wir in einer Umbruchszeit? Dann ist so etwas wie der Denkmalsturz symptomatisch und Mittel zum Zweck: Das Alte soll abgebaut, das Neue möglichst schnell auf die Bahn gesetzt werden. Aus den Augen, aus dem Sinn. Wird aber Geschichte willkürlich abgeschlagen und geschliffen, besteht keine Möglichkeit mehr zur differenzierten Auseinandersetzung. Genau die ist aber nötig. Und zwar nicht in abgeschirmten Museen, nicht in Depots, nicht in zugangsbeschränkten Tagungsräumen.

Offenbar brauchen wir grundsätzlich neue Formen des Erinnerns. Eine herausfordernde, brisante Aufgabe für Kunst und Künstler. Gutes Beispiel: das Cover der aktuellen Ausgabe des "New Yorker". "Say their names", "Nenne ihre Namen", gestaltet vom Illustrator und Autor Kadir Nelson. Abgebildet ist George Floyd, in seinem Körper eingezeichnet die unzähligen schwarzen Opfer von Gewalt in Amerika. Auch ein Denkmal.

Claudia Christophersen © NDR Foto: Christian Spielmann

"Say their names" - Zum komplizierten Umgang mit der Geschichte

NDR Kultur - NachGedacht -

Die Schlacht um die Denkmäler hat begonnen. Wie soll damit umgegangen werden? Über die Suche nach neuen Formen des Erinnerns denkt Claudia Christophersen nach.

4,08 bei 24 Bewertungen

Mit von 5 Sternen

bewerten

Vielen Dank.

schließen

Sie haben bereits abgestimmt.

schließen

 

Weitere Informationen

Der schwierige Umgang mit Kolonialdenkmälern

Abreißen, thematisieren oder ignorieren? Der Umgang mit Denkmälern aus der Kolonialzeit ist schwer, ebenso die Diskussion, die in Deutschland ganz unterschiedlich verläuft. mehr

Diskussion um rassistische Denkmäler und Statuen

Die Kolonialszeit ist ein zentrales Thema der weltweiten Anti-Rassismus-Proteste. In vielen Ländern wurden umstrittene Denkmäler gestürzt. Wie geht man im Norden mit dem kolonialen Erbe um? mehr

Vom Kanzler zur Kultfigur: Mythos Bismarck

Schon zu Lebzeiten wurde der Eiserne Kanzler zur Legende, dem Denkmäler und sogar ein Hering gewidmet wurden. Wie kam es dazu und was ist von Bismarck heute geblieben? mehr

Was tun mit dem Kolonialerbe in Hamburg?

In Hamburg finden sich noch Denkmäler aus der Zeit des Kolonialismus. Wie soll die Gesellschaft angesichts der Debatte um Rassismus mit ihnen umgehen? Meinungen aus der Hansestadt. mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | NachGedacht | 26.06.2020 | 10:20 Uhr