Stand: 12.04.2018 15:10 Uhr

O teure Heimat!

von Alexander Solloch
Alexander Solloch ist Literaturredakteur bei NDR Kultur.

Deutschland, ein schönes Land, ein schickes Land, ein Schland Schland Schland. Bitte keinen Eintrag ins patriotische Klassenbuch, das inzwischen wohl wieder sehr streng geführt wird – Deutschland ist schon dufte, wirklich, das Brot, der ADAC, die Sprache, alles ganz prima. Eines will mir aber seit Wochen nicht in den Kopf (in dessen Abteilung "Sinnproduktion" zur Zeit anscheinend massiv gestreikt wird): Wie kann man denn meinen, das, was schön ist, dürfe, in seine tausend Einzelteile zerlegt, auch ausschließlich aus Schönem bestehen? Mein Übergewicht gehört zu mir, deshalb feiere ich es doch nicht gleich. Horst Seehofer gehört ja letztlich auch zu Deutschland. Erstaunlich, welchen Quatsch zu diskutieren offenbar noch Zeit ist in diesem, es sei betont: schönen Land. Der Quatsch gehört auch zu Deutschland.

Ein Haus für Gartenzwerg- und Schlafmützenromantik

Darum haben wir nun also einen Heimatminister. Man staunt, wie schnell das ging: Vor gerade mal einem Jahr, als wir - kurz vor der Präsidentschaftswahl - über die französische Malaise diskutierten, haben wir uns köstlich amüsiert darüber, dass die Franzosen in ihrer Seelennot und unter dem Druck der Rechtsradikalen zeitweise sogar ein "Ministerium für nationale Identität" eingerichtet hatten. Wir hatten uns vorgestellt, wie das wohl wäre, wenn in der "Tagesschau" Jan Hofer vermeldete: "Bundesidentitätsminister Dobrindt hat heute seinen Haushaltsentwurf vorgelegt." Wir bogen uns vor Lachen, obwohl wir doch hätten wissen müssen, dass das Unvorstellbare immer seinen Weg in die Wirklichkeit findet. Heimatministerium heißt das Ding nun also: ein Haus für Gartenzwerg- und Schlafmützenromantik. Ein Haus zur Befriedung Deutschlands greiser Spießer von Gauland bis Spahn. Aber es ist noch schlimmer.

Alexander Solloch © NDR Fotograf: Christian Spielmann

Die NachDenker: O teure Heimat!

NDR Kultur - Matinee -

Der NachDenker Alexander Solloch macht sich Gedanken zum neuen Heimatministerium und fragt sich, welche Punkte eigentlich ins Aufgabengebiet von Horst Seehofer fallen.

0 bei 0 Bewertungen

Mit von 5 Sternen

bewerten

Vielen Dank.

schließen

Sie haben bereits abgestimmt.

schließen

Was ist eigentlich die Aufgabe eines Heimatministers? Ja, mal schauen, was steht denn auf der To-do-Liste Seehofer? Die Heimat spalten in die guten Dazugehörigen, die unguten Fremden - abgehakt. Den Guten Angst machen vor den Unguten - die Party ist in vollem Gange. Den autoritären Fremdenfeinden von anderswo freundlich zuwinken - täglich gern.

Ein asozial gewordener Immobilienmarkt

Von den Zumutungen tatsächlicher Arbeit hingegen lässt sich der Heimatminister nicht so gern die Tage verkarsten: etwa von ernsthafter gedanklicher Beschäftigung mit der neuen Art von Heimatvertreibung. Hunderttausende, Millionen von Menschen können es sich nicht mehr leisten, dort zu wohnen, wo sie sich zu Hause fühlen. O teure Heimat! Ein auf hemmungslose Weise asozial gewordener Immobilienmarkt treibt die Verödung unserer Städte auf die Spitze. Ein normal verdienender, hart arbeitender Mensch schreibt es sich schon als Erfolg ins Tagebuch, wenn er überhaupt nur zu einer Wohnungsbesichtigung eingeladen wird. Die Hamburger HafenCity ist ein Fanal: In diesem trüben Schein wird bald jede deutsche Metropole ersterben, wenn die Mietmafia erst ihr Ziel erreicht hat, die Städte von ganz normalen Menschen, von Studenten, Arbeitern, Angestellten, Kindern zu befreien, damit sie ausschließlich noch den Automanagern und Aufsichtsräten gehören, denen das Geld aus jeder Pore quillt, die aber Hamburg, München, Berlin, Frankfurt und Köln als Stätten der Kultur doch recht unbeträchtlich werden lassen; wenn sie es nicht längst schon sind.

Vom Heimatminister im orbanen Glück ist kein Interesse an den urbanen Verwerfungen zu erwarten. Es wird sich der Mietbürger sein Recht auf Heimat selbst erstreiten müssen, und wenn das bedeutet - Worte der Woche von Elke Heidenreich -, mal wieder "Eier zu schmeißen".

Unter dem Pflaster liegt ein Schland. Menschland.

 

Übersicht

NachGedacht

Unsere Kolumnisten lassen die Woche mit ihren Kulturthemen Revue passieren und erzählen, was sie aufgeregt hat. Persönlich, kritisch und gern auch mit ein wenig Bösartigkeit gespickt. mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | NachGedacht | 13.04.2018 | 10:20 Uhr

NDR Logo
Dieser Artikel wurde ausgedruckt unter der Adresse: https://www.ndr.de/ndrkultur/sendungen/nachgedacht/O-teure-Heimat,solloch246.html