Stand: 15.11.2019 07:32 Uhr

Nachdenken über das NachDenken

von Stephanie Pieper

Nachdenken ist gar nicht so einfach, wie unsere Kolumnistin Stephanie Pieper am Ende dieser Woche feststellt: Wer hat im meist hektischen Alltag schon die Zeit dazu? Ein NachGedacht über das, worüber man alles nachdenken könnte.

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Stephanie Pieper leitet bei NDR Kultur die Hauptredaktion "Kulturelles Wort" in Hannover.

Es gäbe so vieles, über das man dringend nachdenken wollte. Sollte. Müsste. Man könnte darüber nachdenken, ob der Grundrenten-Kompromiss der letzte Akt im GroKo-Drama ist - oder doch der Prolog für eine neu erwachende Zuneigung der beiden politischen Ehepartner. Man könnte darüber nachdenken, ob die SPD angesichts der Qual der Wahl zwischen Scholz/Geywitz und Borjans/Esken endgültig dem Untergang geweiht ist - oder ob sich die alte Dame noch mal berappeln kann. Man könnte darüber nachdenken, ob der Auftakt im Kongress zu einem möglichen Impeachment-Verfahren gegen Donald Trump ein Lebenszeichen der US-amerikanischen Demokratie ist - oder nur ein weiterer Beleg dafür, wie gespalten die Gesellschaft auf der anderen Seite des Atlantiks ist. Man könnte darüber nachdenken, ob - drei Jahrzehnte nach der Wende in der DDR und in Osteuropa - der seitdem vermeintlich siegreiche Westen inzwischen tot ist - oder ob Totgesagte länger leben, was in diesem Fall sehr zu wünschen wäre.

Achtsam und entspannt durch die Weihnachtszeit - klingt vielversprechend

Beim Nachdenken über das Nachdenken fällt der Blick plötzlich auf den Kalender: noch 39 Tage bis Heiligabend. Ach du Schreck. Auch über Weihnachten will langsam aber sicher nachgedacht werden. Aber bestimmt gehören Sie zu diesen furchtbar organisierten Menschen, die bereits jetzt entweder alle Geschenke beisammen haben - oder die zumindest schon ganz genau wissen, was sie ihren Lieben in diesem Jahr unter den Baum legen wollen. Die nicht nur die Menüfolge für den 1. und den 2. Weihnachtstag bereits zusammengestellt, sondern auch die handbemalten Menükarten für die Festtage bereits in der Schublade liegen haben. Beneidenswert.

Doch bevor man nun das Nachdenken aufgibt und in allzu viel vorweihnachtliche Hektik verfällt, lohnt, wie immer, ein Blick ins Bücherregal - nicht im Buchladen, nein, nein, längst bieten etwa auch Drogerie-Discounter Lesestoff, was grundsätzlich zu begrüßen ist. Im Regal zwischen Deos und Duftkerzen liegen dort Titel wie dieser: "Achtsam durch die Weihnachtszeit. Entspannt und kreativ im Advent". Klingt vielversprechend. Wer möchte nicht in den Wochen vor dem Fest endlich mal achtsam und entspannt und dabei auch noch kreativ sein? Winterliche Deko basteln, leckere Plätzchen backen, traditionelle Weihnachtslieder singen - die paar Dinge, die auf der Arbeit am Jahresende zu tun sind, erledigen sich da fast wie von selbst.

Konsum mit praktischen Folgen

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Doch auch wenn man versucht, sich dem Konsumwahn in überfüllten Fußgängerzonen und Shopping-Centern zu entziehen, so stellt man doch fest: Der eine oder die andere - Verwandte, Freunde, Kollegen - möchte gleichwohl beschenkt werden. Also begibt man sich auf die Suche nach natürlich total individuellen Geschenkideen in all jene Geschäfte, die einem "jede Woche eine neue Welt" versprechen. Dort gibt es alles zu kaufen, was der Kapitalismus hervorbringt und was in Containern aus Fernost zu uns verschifft wurde. Darunter superpraktische Dinge wie der "Lichterketten-Organizer" - hätte man den letztes Jahr besorgt, dann müsste man jetzt die achtlos in die Schublade gestopften Lichterketten nicht mühsam entwirren. Auch die "Eincreme-Hilfe für den Rücken", die man 2018 noch verschmäht hatte - dafür bin ich zu jung! - könnte man angesichts gewisser Beschwerden in diesem Jahr durchaus gebrauchen. Ebenso wie die Müsliriegel-Backform, weil man sich doch gesunder ernähren will. Lauter Dinge, die die Welt natürlich im Grunde nicht braucht, die sie aber trotzdem kauft - nur, um später mit Hilfe der japanischen Aufräum-, Sortier- und Wegwerf-Queen Marie Kondo wieder Ordnung ins Konsumchaos zu bringen.

Man könnte es aber auch wie der Brite Robert Macfarlane machen, der in diesem Jahr den NDR Kultur Sachbuchpreis erhält, für sein Buch "Im Unterland": Man könnte, wie er, die Erdoberfläche verlassen und stattdessen tief in das Erdinnere eintauchen - und darüber staunen, was sich dort alles findet, Schönes und weniger Schönes wie die Hinterlassenschaften unseres Lebensstils. Ach ja, es gäbe so vieles, über das man dringend nachdenken müsste.

 

Stephanie Pieper © NDR/ Foto: Christian Spielmann

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | NachGedacht | 15.11.2019 | 10:20 Uhr