Stand: 02.01.2020 17:30 Uhr

NachGedacht: Zwischen den Jahrzehnten

von Stephanie Pieper

Gefühlt ist es immer noch die Zeit zwischen den Jahren, auch wenn 2020 nun angebrochen ist - nicht nur ein neues Jahr, sondern ein neues Jahrzehnt. Waren es gruselige Zehnerjahre, werden es goldene Zwanzigerjahre? Unsere Kolumnistin Stephanie Pieper blickt zurück - und nach vorn.

Stephanie Pieper © NDR/ Foto: Christian Spielmann
Stephanie Pieper leitet bei NDR Kultur die Hauptredaktion "Kulturelles Wort" in Hannover.

Die zweite Dekade des digitalen 21. Jahrhunderts liegt nun also hinter uns. Sie hat uns den scheinbar unaufhaltsamen Aufstieg der angeblich sozialen Medien gebracht - ohne Facebook, ohne Instagram, ohne Twitter, ohne YouTube ist für viele Menschen auf der Welt ihr Alltag kaum noch vorstellbar. Wir starren auf kleine Bildschirme, als hinge unser Überleben davon ab. Menschliche Interaktion findet immer öfter nicht von Angesicht zu Angesicht statt, sondern von Screen zu Screen, von Tastatur zu Tastatur. Begriffe wie Bots, Emojis, Likes, Selfies, Trolle, Vlogger - die vor zehn Jahren kaum jemand kannte - gehören heute zu unserem täglichen Sprachgebrauch. Selbst wenn "digital detox" in gewissen Kreisen angesagt sein mag - mithin der Versuch, eine Weile ohne all die smarten Geräte zu verbringen: Wer hält dies schon lange durch?

Die Dominanz der Tech-Giganten

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Das vergangene Jahrzehnt war - nicht zuletzt mit Blick auf erregt geführte öffentliche Debatten - eines der enormen Beschleunigung, auch das ein Ergebnis der neuen digitalen Communities. Was kümmert mich der Trend-Hashtag von gestern? Heute wird schon eine neue Sau durchs globale Social-Media-Dorf getrieben. Viele von uns haben Mühe, da noch hinterherzukommen: Politikerinnen und Politiker ebenso wie Journalistinnen und Journalisten. Von der "großen Gereiztheit" spricht treffend der Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen. Die Zehnerjahre waren auch das Jahrzehnt von Fake News und Filterblasen: Die Community, die Gemeinschaft im Netz, ist vor allem die Gemeinschaft Gleichgesinnter. Wer dazugehört und wer nicht, bestimmen Algorithmen - das Äquivalent zum Coca-Cola-Geheimrezept dieses Jahrhunderts. Wenn Dir dieses gefällt, gefällt Dir auch jenes. Je extremer die Position und je extremer sie sprachlich vertreten wird, desto besser klickt und verbreitet sie sich. Klicks sind gleich Werbekunden sind gleich Profit. Die Tech-Giganten aus dem Silicon Valley haben uns fest im Griff.

Die Finanzkrise wirkt immer noch nach

Was diese Entwicklung politisch auslösen kann, ließ sich 2016 besichtigen - ein Jahr, das jedenfalls für mich die große politische Zäsur des vergangenen Jahrzehnts darstellt: vor und nach dem Brexit-Votum, vor und nach der Wahl von Donald Trump zum Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika. Beide Abstimmungen waren allerdings nicht nur ein Beleg dafür, welche Macht soziale Medien haben, sondern auch dafür, dass wir die Folgen der Finanzkrise nach wie vor noch nicht überwunden haben - politisch nicht, gesellschaftlich nicht. Gleich zu Beginn des Jahres 2020 werden wir erleben, dass Großbritannien die Europäische Union verlässt - und Ende 2020 könnte Trump auf seine zweite Amtszeit zusteuern. Auch dies ist eine Erkenntnis, die wir mitnehmen aus dem alten in das neue Jahrzehnt: Der Fortschritt ist nicht selbstverständlich, nicht gesichert, und er verläuft nicht zwangsläufig linear. Immer besser, immer höher, immer schöner. Das hat wohl noch nie zu 100 Prozent gestimmt - und stimmt heute erst recht nicht mehr.

Parallelen zu den 1920er-Jahren?

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Beschäftigen wird uns in den jetzt angebrochenen Zwanzigerjahren natürlich der Klimawandel: Wird es uns gelingen, Kapitalismus und ökologisch nachhaltiges Wirtschaften zu vereinen? Die Künstliche Intelligenz wird unsere Umwelt zunehmend prägen: Werden es von Menschen programmierte Maschinen schaffen, menschliches Denken, menschliches Reaktionsvermögen, menschliche Kreativität zu imitieren, gar zu übertreffen - und wenn ja, was folgt daraus für eine Gesellschaft? Das Verhältnis von Nationalstaat zu Staatenbund wird neu auszubalancieren sein: Werden wir einen noch stärkeren Nationalismus erleben oder eine Renaissance internationaler Kooperation? Nicht zuletzt wird uns, eng mit allem Genannten verwoben, die Zukunft der liberalen Demokratie bewegen: Gibt es Parallelen zu den nur vermeintlich goldenen 1920er-Jahren, als sich die Gesellschaft an den extremen Polen orientierte, als die neue demokratische Freiheit überschattet war vom aufziehenden Nationalsozialismus - oder ist unser demokratisches System heute gefestigter? Nur eine Närrin oder ein Narr würde am Beginn dieses neuen Jahrzehnts eine Prophezeiung wagen.

 

Stephanie Pieper © NDR/ Foto: Christian Spielmann

AUDIO: Zwischen den Jahrzehnten (4 Min)

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | NachGedacht | 03.01.2020 | 10:20 Uhr

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