Stand: 05.07.2018 15:07 Uhr

NachGedacht: Wir Insassen

von Alexander Solloch
Alexander Solloch ist Literaturredakteur bei NDR Kultur.

Bei Gelegenheit der sogenannten Fußball-Weltmeisterschaft, besser bekannt als 'Springspiele für Männer empfindsameren Gemüts', ist der brasilianische Darsteller Neymar am Montag von einem mexikanischen Kontrahenten berührt worden. Jeder, der selbst schon einmal berührt worden ist, konnte sein Leid nachempfinden. Minutenlang musste Neymar die Welt um Hilfe anrufen. Vielen unter uns gellen noch heute, vier Tage danach, seine bitteren Schreie in den Ohren: "Ich werde demontiert", rief Neymar, "es ist eine Herrschaft des Unrechts", klagte er, "ich kann mit den Mexikanern nicht mehr arbeiten", konstatierte er, "das ist emotional ein schwieriger Moment", sagte Horst Seehofer noch, "eine unvorstellbare Situation".

Seehofers Identitätsnot

Am Ende seiner diesmonatlichen Krise, die vielleicht nicht zufällig mit dem Erreichen seines 70. Lebensjahrs zusammenfiel, hat Seehofer dann erklärt, die neue Übereinkunft mit der Kanzlerin erlaube es ihm, dass er "das Amt des Bundesministeriums des Innern, für Bau und Heimat" weiterführe. Minister zu sein ist ja schon schwierig, nun aber dies: Horst Seehofer hat sich in ein Ministerium verwandelt! Wer schon einmal vorm Neubau dieses Hauses unweit vom Berliner Hauptbahnhof stand, wer diesen unerbittlich-mitleidslosen Kalk-Koloss schon einmal sah, kann sich denken, dass den Minister seine Mutation zum Ministerium in schwere Identitätsnot gestürzt haben muss.

Natürlich könnte man sagen, was stellt er sich so an, andere haben's auch nicht leicht! Im Süden Syriens zum Beispiel sind gerade fast 300.000 Menschen vor Assads Mordbanden auf der Flucht. Aber das, wohl wahr, müsste uns ja nur interessieren, wenn wir ein, wie soll man sagen, "Asylrecht" hätten; allein schon der Gedanke - eine Zumutung für die verhärmten Insassen der Festung Europa.

"Wir sind christlich-abendländisch geprägt", sagt der bayerische Ministerpräsident, aber die Beweislast liegt bei dem, der so etwas behauptet. Wie stellen sich die Christen Europas, wie stellen sich Markus Söder, Horst Seehofer und, ja, auch Angela Merkel, die zwar wohl noch für einen allerletzten Rest an Anstand, aber längst nicht mehr für ein menschenfreundliches Gesicht unseres Landes einsteht, wie stellen sich diese verantwortlichen Politiker, wie stellen wir alle, wir Bürger, wir Menschen uns zur Aufgabe, Leben zu retten? Die Internationale Organisation für Migration hat in dieser Woche gemeldet, allein in diesem Jahr seien - bislang! - mehr als tausend Menschen im Mittelmeer ertrunken: Menschen, die versuchten, aus Libyen vor Verfolgung und Folter zu fliehen. "Asyltouristen", wie der bayerische Ministerpräsident sie nennt, dem man gratulieren möchte zu seinem unverschuldeten Glück, niemals in eine Situation geraten zu sein, die seinen Wohlstandsbauch gefährdet.

Die Verstümmelung des Verstümmelten

Vor ungefähr tausend Jahren, im Mai 2014, hat der Schriftsteller Navid Kermani eine Rede im Bundestag gehalten, die Maßstäbe zu setzen schien für das Nachdenken über unser Grundgesetz. Dies sei ein gutes Deutschland, "das beste, das wir kennen", sagte Kermani, aber die 1993 vorgenommene "Verstümmelung" des Grundgesetz-Artikels 16 habe dem Recht auf Asyl die Würde genommen. Stehende Ovationen aus allen Fraktionen. Die sollten in den Folgejahren mehrheitlich die Verstümmelung des Verstümmelten zuwege bringen. Wenn also der Schriftsteller nichts bewirkt, wünscht man sich Rechtsgelehrte, die sich vielleicht weniger mit juristischen Fiktionen beschäftigen und sich stattdessen einmal äußern zur Frage, ob die Totalentkernung eines Grundrechts irgendwie noch mit Geist und Wort unserer Verfassung in Einklang gebracht werden kann.

Dieses Land testet seine Widerstandskraft und hat sich deshalb Horst Seehofer zum "Hüter der Verfassung" bestellt, denjenigen also, der entscheidende Prinzipien des Grundgesetzes nicht anzuerkennen scheint, Prinzipien wie das Asylrecht, die Wahl der Bundeskanzlerin nicht durch den CSU-Machismo, sondern den Bundestag, ihre Richtlinienkompetenz. Dass unsere Demokratie sogar ein Irrlicht wie diesen Minister erträgt, beweist ihre staunenswerte Stärke.

Alexander Solloch © NDR Foto: Christian Spielmann

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In seiner Kolumne macht sich Alexander Solloch Gedanken über Seehofers diesmonatliche Krise: "Dass unsere Demokratie sogar ein Irrlicht wie diesen Minister erträgt, bewei

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Unsere Kolumnisten lassen die Woche mit ihren Kulturthemen Revue passieren und erzählen, was sie aufgeregt hat. Persönlich, kritisch und gern auch mit ein wenig Bösartigkeit gespickt. mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | NachGedacht | 06.07.2018 | 10:20 Uhr