Stand: 04.06.2020 17:50 Uhr

NachGedacht: Hier! Jetzt! Live!

von Stephanie Pieper

Weil bekanntlich alles mit allem zusammenhängt, denkt unsere Kolumnistin Stephanie Pieper in dieser Woche über Polizeigewalt gegen Schwarze in den USA, über amerikanisches Fernsehen und über die Verlockungen des Weltalls nach.

Stephanie Pieper leitet bei NDR Kultur die Hauptredaktion "Kulturelles Wort" in Hannover.

Eine herrliche Vorstellung, oder? Man zieht sich einen schneeweißen, in Hollywood designten Raumfahrtanzug an, setzt sich in Cape Canaveral, am dortigen Weltraumbahnhof - tolles Wort übrigens! - in die SpaceX-Rakete von Elon Musk und lässt sich in den Weltraum transportieren, 400 Kilometer weit bis zur ISS. Tschüss, Corona - mach' mal ohne mich weiter. So durften es am Pfingstwochenende zwei US-Astronauten erleben.

Erster bemannter Raumflug von US-Boden seit fast zehn Jahren

Es war der erste bemannte Raumflug von amerikanischem Boden aus seit fast einem Jahrzehnt - endlich sind also die stolzen Amis nicht mehr auf die kraftstrotzenden Russen angewiesen, um sich ins All schießen zu lassen. The Donald war natürlich vor Ort - und live zu verfolgen war das Ganze auf CNN, wo eine atemlose Reporterin namens Rachel nach dem erfolgreichen Raketenstart den Tränen nahe war. Immer her mit den Emotionen!

CNN hat lange vor Social Media Maßstäbe gesetzt

Stephanie Pieper © NDR/ Foto: Christian Spielmann

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NDR Kultur - NachGedacht -

Unsere Kolumnistin Stephanie Pieper denkt in dieser Woche über Polizeigewalt gegen Schwarze in den USA, über amerikanisches Fernsehen und über die Verlockungen des Weltalls nach.

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Das ist Live-Fernsehen made in America - und Cable News Network hat eben dies zu seinem Markenzeichen gemacht. Gegründet von Ted Turner, auf Sendung gegangen vor genau 40 Jahren, war CNN der erste 24-Stunden-Nachrichtenkanal. Vieles von dem, was heute nicht mehr wegzudenken ist aus dem modernen Fernsehen, hat CNN erfunden oder zum Standard gemacht: Das unermüdlich am unteren Bildrand laufende News-Band, den Splitscreen mit lauter zugeschalteten "CNN Analysts" und "CNN Experts", die durchgestylten und Laufsteg-tauglichen Moderatorinnen und Moderatoren, den Countdown zu wichtigen Events, das Up and Down der Aktienkurse. Selbst der Wetterbericht wird bei CNN zur Story und gelegentlich auch zum Drama. All das vermittelt uns Zuschauern - lange vor Facebook, Instagram und Twitter - das Gefühl, live und in Farbe dabei zu sein, wenn irgendwo auf der Welt etwas Weltbewegendes passiert.

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NachGedacht

Unsere Kolumnisten lassen die Woche mit ihren Kulturthemen Revue passieren und erzählen, was sie aufgeregt hat. Persönlich, kritisch und gern auch mit ein wenig Bösartigkeit gespickt. mehr

Echtzeit-Erleben entwickelt Sog

Echtzeit-Erleben, ungefiltert, im heimischen Wohnzimmer: CNN schafft es in solchen Momenten - wer erinnert sich nicht an die Bilder von 9/11? - einen Sog zu entwickeln, dem man sich nur schwer entziehen kann. Vor wenigen Tagen nun wurde ein schwarzer Reporter von CNN in Minneapolis zwischenzeitlich festgenommen - dort, wo George Floyd starb. Auch in Atlanta protestierten daraufhin viele Menschen gegen Polizeigewalt, beschädigten dabei die CNN-Zentrale und griffen auch verbal die Medien an. Die MSM (Mainstream Media) sind im tief gespaltenen Amerika bei vielen Menschen in Verruf geraten: Vom rechten Rand wird ihnen vorgeworfen, Teil des vermeintlich linksliberalen Establishments zu sein; vom linken Rand heißt es, "die Medien" seien Teil einer einzig und allein auf Profit ausgerichteten Maschinerie. CNN gehört heute zum mächtigen Medienkonglomerat AT&T WarnerMedia. Die Wahrheit dürfte, wie so oft, irgendwo in der Mitte liegen.

NASA-Astronautin Jessica Meir for President!

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Die NASA-Astronautin Jessica Meir flog im September 2019 zur ISS und kehrte im April 2020 zur Erde zurück.

Aber dank CNN lernen wir eben auch neue Gesichter kennen: Eine der vielen dort zum SpaceX-Start zugeschalteten Expertinnen war die NASA-Astronautin Jessica Meir. Am 25. September vergangenen Jahres - als die Welt vom Coronavirus noch nichts ahnte - war sie zur ISS geflogen und kehrte am 17. April auf unsere Erde zurück, auf der sich während ihrer Zeit im All eine verheerende Pandemie ausgebreitet hat. Die 42-jährige US-Amerikanerin hat eine schwedische Mutter und einen israelischen Vater irakischer Herkunft. Sie hat ihre Liebe zur Raumfahrt schon in einem Jugendcamp entdeckt; sie hat in Meeresbiologie promoviert; sie mag Musik und liest gern Klassiker der Literaturgeschichte; sie wandert und fährt Fahrrad; sie spricht neben Schwedisch auch Russisch; sie wirkt klug und kompetent. Ach, wäre so eine toughe Frau doch in diesem seltsamen Jahr 2020 eine Kandidatin für das Weiße Haus. Jessica Meir for President! Live on CNN! Eine herrliche Vorstellung, oder?

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NASA-Ehre für Fotograf: Die ISS über dem Wendland

Der Wendländer Helmut Schnieder fotografiert Landschaften mit Sternenhimmel. Eine Aufnahme mit einer Spiegelung der ISS hat die NASA nun zu ihrem "Bild des Tages" gewählt. mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | NachGedacht | 05.06.2020 | 10:20 Uhr