Stand: 09.08.2018 20:23 Uhr

NachGedacht: Ein bisschen überrascht

von Ulrich Kühn

Manchmal widerfährt uns plötzlich was Übles, was zutiefst Ärgerliches, was ernsthaft Bedrohliches - privat, beruflich, politisch. Wir fahren aus der Haut, werden wütend, verlieren die Fassung. Eine hochgestellte Persönlichkeit hat kürzlich anders reagiert. Ein überzeugendes Modell?

Ulrich Kühn ist ein bisschen überrascht.

Als die britische Premierministerin Theresa May ihren heiteren Desaster-Montag erlebte, ist ihr nebenbei Großes gelungen. Sie hat der Menschheit praktische Lebenshilfe geleistet. Und das kam so: Der wuschel-, quer- und wirrköpfige Außenminister Boris Johnson hatte seinen Traum geträumt, den Traum vom totalen Brexit. Er war in der Realität erwacht; und siehe da, die Realität trug das Antlitz von Theresa May. Sie war Boris’ Chefin und wollte oder konnte nicht, wie er wollte. Also warf er hin. Und komischerweise wirkte es so, als habe Theresa May, also die Realität in Person, damit nicht gerechnet. Sie schrieb dem "lieben Boris" einen Brief und teilte ihm mit, sie sei "ein bisschen überrascht". Man muss ihr dankbar sein. "Ein bisschen überrascht": Das ist nicht einfach nur Understatement, das ist praktische Lebenshilfe.

Seien Sie einfach "ein bisschen überrascht"

Wenn Ihnen Übles widerfährt, das Sie nicht erwartet haben, vielleicht aber hätten erwarten können - Sie sollten sich nicht mehr ärgern. Seien Sie einfach "ein bisschen überrascht". Vergessen Sie, den Herd auszuschalten, kommen abends nach Hause und finden leider kein Zuhause mehr vor - seien Sie "ein bisschen überrascht". Überraschen Sie Ihren Liebsten beim Seitensprung - seien Sie nicht außer sich, seien Sie "ein bisschen überrascht." Führen Sie eine Landwirtschaft und verhagelt es Ihnen die Ernte: "Ein bisschen überrascht" zu sein, wird die Existenznot lindern.

Unverständliches DFB-Kauderwelsch

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NDR 2

Mertesacker nimmt Özil in Schutz

11.07.2018 13:15 Uhr
NDR 2

Der ehemalige Fußball-Nationalspieler Mertesacker hat nach dem schwachen Abschneiden des DFB-Teams bei der Weltmeisterschaft in Russland bei NDR 2 den Umgang mit Mesut Özil kritisiert. mehr

Ein eigenwilliges Modell. Es scheint in fast allen Lagen zu funktionieren. Aber eben leider nur fast. Waren wir "ein bisschen überrascht", als nach kurzer Bedenkzeit von nur wenigen Wochen, in denen durch einen blöden Zufall die deutsche Nationalmannschaft bei der Fußball-WM in der Vorrunde ausgeschieden war, den Spitzen des DFB blitzesgleich die Erleuchtung kam, Herr Özil hätte nicht schweigen sollen über sein Stelldichein beim Potentaten Erdogan? Und sowieso hätte man überlegen müssen, ob Herr Özil bei der WM, also aus sportlichen Gründen und irgendwie wieder auch nicht oder so - also, waren Sie überrascht über dieses hoch offiziöse, total unverständliche Kauderwelsch seitens der Spitze des DFB? Oder hat Sie's vielleicht - kein bisschen mehr überrascht?

Ist so viel Gefühlsarmut noch überraschend?

Und als Herr Seehofer aus Bayern, der So-bin-ich-in-Wahrheit-ganz-innen-Minister, kundtat, es sei eine prima Sache, dass an seinem 69. Geburtstag 69 Menschen nach Afghanistan abgeschoben wurden - waren Sie da "ein bisschen überrascht"? Oder mehr als ein bisschen? Oder gar nicht mehr, weil ministerunwürdiger Quartalszynismus nicht mehr so überraschend kommt? Und ja auch dadurch nicht besser wird, dass der oberste Asyltourismusmanager, nachdem er erfahren hat, dass einer der 69 abgeschobenen Menschen sich das Leben genommen hat, die Mitwelt wissen lässt, er, der Seehofer-Horst, sei nicht zuständig gewesen für sein Abschiebungsgeburtstagsgeschenk, man möge nun "sachlich und rücksichtsvoll" mit diesem zutiefst bedauerlichen Umstand "umgehen", und man habe doch, als er sich über die Abschiebung freute, von der Selbsttötung noch nichts gewusst?

Dr. Brack: Das letzte Mittel

Je länger ich's bedachte, desto fragwürdiger kam mir die anfangs so willkommene Lebenshilfe-Formel der britischen Premierministerin vor. In meiner Ratlosigkeit griff ich zum letzten Mittel. Ich wählte die Nummer von Dr. Brack, meinem Lieblingspsychiater in Lübeck.
"Hier Brack."
"Hier Kühn."
"Oh Gott."
"Nein, Kühn."
"Sehr witzig, Herr Kühn. Was kann ich für Sie tun?"
"Herr Brack, ich habe ein Problem ..."
"Nee, wirklich? Und da rufen Sie Ihren Psychiater an? Ich muss schon sagen, ich bin ein bisschen überra ..."
Ich legte grußlos auf. Eine Welt, in der selbst die Psychiater mit Worten von Theresa May ihre Patienten verspotten - eine solche Welt liegt eindeutig am Boden. Aber, mal ehrlich: Kann uns das im Ernst noch überraschen?

 

Ulrich Kühn © NDR Foto: Christian Spielmann

NachGedacht " Ein bisschen überrascht"

NDR Kultur - NachGedacht -

Manchmal widerfährt uns plötzlich was Übles, was zutiefst Ärgerliches. Dann fahren wir aus der Haut und werden wütend. Eine hochgestellte Persönlichkeit hat kürzlich anders reagiert.

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Unsere Kolumnisten lassen die Woche mit ihren Kulturthemen Revue passieren und erzählen, was sie aufgeregt hat. Persönlich, kritisch und gern auch mit ein wenig Bösartigkeit gespickt. mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | NachGedacht | 13.07.2018 | 10:20 Uhr