Stand: 12.12.2019 19:04 Uhr

NachGedacht: Ein Hoch der "Achtsamkeit"

von Ulrich Kühn

Im Advent mühen sich alle hektisch, zur Ruhe zu kommen und freundlicher zu werden nach all der vielen Arbeit. Nachdenker Ulrich Kühn, sonst politischen Gedanken aufgeschlossen, hat ins Innere geschaut - aus der Ferne.

Ulrich Kühn ist Leiter der Literaturredaktion bei NDR Kultur

Jüngst war ich in Wien. Der Urlaub kam zur rechten Zeit. Wenn man zu viel zu tun hat und dem Körper zuruft: "ja, ich höre deine Signale, nur noch kurz, dann trete ich kürzer" - dann hofft man auf Verständnis. Der Körper soll nicken und sagen: "Geht in Ordnung, aber anschließend musst du achtsamer sein. Am besten, du fährst dann nach Wien." Er nickt meist wirklich, der Körper. Oder aber man bildet sich es ein. Dann hilft es, Menschen um sich zu haben, die einem sagen: Was du für Nicken hältst, ist in Wahrheit Schütteln des Kopfes. Der Glaube, man könne alles schaffen, ist ein Missverständnis.

Man kommt auf solche Gedanken in Wien. Wo, wenn nicht in der Stadt der entspannten Lebenshaltung? Aber das ist nicht der einzige Grund. In Wien droht nämlich ein anderes, besonders tückisches Missverständnis: Die Sprache tönt hier so, dass man als Mensch deutscher Zunge glaubt, man verstünde schon. Ein Irrtum. "Wir Österreicher", verkündete Kabarettist Karl Farkas, "unterscheiden uns doch von den Deutschen durch so mancherlei, besonders durch die gleiche Sprache." Daran dachte ich, als ich in Wien mit der U-Bahn fuhr. Dort mahnt alle paar Minuten eine freundliche Frauenstimme: "Bitte, seien Sie achtsam! Andere brauchen Ihren Sitzplatz vielleicht notwendiger."

Stadt der höflichen Politur und des grantigen Schmähs

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Würde man das in Deutschland so hören? Und wäre dasselbe gemeint? Wahrscheinlich kommt gar keiner auf die Idee, in Hamburg eine solche Ansage laufen zu lassen. Falls doch, ist es mir wegen Unachtsamkeit entgangen. Dann hat es aber bestimmt auch eine wüste Debatte gegeben über Bevormundung, "Nanny-Staat", Freiheitsentzug: "Wann ich die alte Oma stehen lasse, entscheide ich immer noch selbst!" Zugegeben, ich weiß nicht, ob es nicht auch in Wien, der Stadt der höflichen Politur und des grantigen Schmähs, solche Debatten gab. Oder einer hat gesagt: "Da geh, jetzt is' der depperte Achtsamkeits-Blödsinn von die Piefkes scho' bis nach Wean eing'wandert." Ich weiß das nicht. Interessanter finde ich die Frage: Wie ist die nette U-Bahn-Ansage gemeint? Liebevoll pädagogisch? Verbiestert politisch korrekt? Oder altwienerisch höflich? Wer kann das sagen, wenn er ein paar Worte hört, die er nur scheinbar versteht? Wer weiß je überhaupt, was der liebe Mitmensch, der sich in scheinbar der eigenen Sprache scheinbar verständlich macht, im tiefsten Inneren meint?

Weil bald Weihnachten ist.

Zurück in Deutschland war mir danach, Dr. Brack anzurufen, meinen alten Lieblingspsychiater.
"Sie, Herr Kühn? Ich dachte, Sie wären unter die Seelenlosen gegangen, weil Sie sich nicht mehr melden."
"Im Gegenteil, Dr. Brack. Ich komme beseelt aus der Stadt Sigmund Freuds zurück, beseelt durch folgende Fragen: Können Menschen einander verstehen? Und achtsamer miteinander sein?"
"Herr Kühn, wie viele Therapiestunden wollen Sie kaufen, hundert oder tausend? Sie glauben doch nicht, dass ich Ihnen ein dermaßen verknotetes Fragenbündel in drei Stunden entwirre."
"Dr. Brack! Ich hoffte auf Antwort vor Weihnachten!"
"Wollen Sie mich verschaukeln, Kühn?"
"Ich will Sie verstehen, Brack."
"Na, endlich werden Sie realistisch. Es ist halt nicht so einfach mit dem Verstehen. Also, was ist der Deal, hundert oder tausend Stunden?"
"Scheiß drauf, ich schenke mir hundert. Weil bald Weihnachten ist."

Von Achtsamkeit eine Rede

Ist das nicht deprimierend? Ein Patient, der achtsamer sein und sich selbst und die Menschheit verstehen will - und sein Psychiater denkt nur ans Geld. Dr. Brack wohnt in Lübeck. Man nehme es nicht übel, aber ich will zurück nach Wien. Dort tun sie wenigstens so, im unterirdischen Bereich, als gäben sie auf einander acht. Hier kann man noch so zappeln - von der Achtsamkeit, die jetzt alle im Munde führen, ist in Wahrheit keine Rede.

Ulrich Kühn © NDR Foto: Christian Spielmann

NachGedacht: Ein Hoch der "Achtsamkeit"

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Im Advent mühen sich alle hektisch, zur Ruhe zu kommen nach all der vielen Arbeit. Nachdenker Ulrich Kühn, sonst politischen Gedanken aufgeschlossen, hat ins Innere geschaut.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | NachGedacht | 13.12.2019 | 10:20 Uhr