Stand: 19.12.2019 18:38 Uhr

NachGedacht: Die zwanziger Jahre

von Alexander Solloch

Seit Kurzem berauscht sich Alexander Solloch an der schönen Ziffernfolge im bald beginnenden Jahr 2-0-2-0. Das gab's zuletzt 1010 und wird's dann auch erst wieder 3030 geben. Gedanken zwischen Rausch und Ernüchterung.

Alexander Solloch © NDR Foto: Christian Spielmann
Alexander Solloch mit seinen Gedanken zum bald vergangenen Jahrzehnt.

Als der 1. Januar 2000 dann endlich da war, war alles bloß wie immer. Graue Wolken hingen am Himmel, an ausgewählten Bordsteinkanten schmolzen letzte Schneefetzen ohne Eile vor sich hin. "Nicht mal Außerirdische", murmelte mein Freund Dirk, als wir im Auto durch Grünau fuhren, um das neue Jahrtausend zu besichtigen. Es war ernüchternd.

Die Erwartungen waren groß gewesen und doch kein Vergleich mit dem Elektrisierungspotential, das in diesen Tagen in der Luft liegt: Die zwanziger Jahre stehen unmittelbar bevor. Die zwanziger Jahre! Wie das schon tönt und wie das glitzert und wie das nach Trunk und Tanz und Traum und Tor schmeckt! Auch aber klingen "die zwanziger Jahre" nach dunklen Wolken, die wohlmeinende Menschen im gemeinsamen schweren Kampf fürs Lächeln und Lachen vertreiben müssen: diesmal entschlossener, diesmal besser! Es ist möglich.

Die Zehner - kein gutes Jahrzehnt?

Leider sind die zwanziger Jahre mit dem Makel befleckt, dass ihnen die zehner Jahre vorangegangen sind. Man nennt sie nicht gern beim Namen, weil sie das Sinnliche in uns beleidigen. Von individuellen Lichtblicken abgesehen, war doch insgesamt alles so stockend und behäbig, so verklemmt und beklemmend: kein gutes Jahrzehnt. Als an seinem Anfang, im Herbst 2011, der algerische Schriftsteller Boualem Sansal mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet wurde, wagte er noch zu sagen, "dass man mit seinem Kopf jenes unvorstellbar Zauberhafte tun kann, nämlich sich eine Zukunft ersinnen und diese dann auch leben, hier, in der Gegenwart, in Frieden, in Freiheit, in Freundschaft". Am Ende des Jahrzehnts erklärte derselbe kluge Kopf, er habe keinerlei Hoffnung mehr. Das haben die zehner Jahre gemacht.

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Stephanie Pieper, Ulrich Kühn, Claudia Christophersen und Alexander Solloch. © NDR Foto: Christian Spielmann

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Sie haben nicht lang gefackelt mit ihrer Gemeinheit. In Deutschland verursachte im Spätsommer 2010 Thilo Sarrazins Hetzschrift gegen Muslime den Dammbruch. Sehr viele Menschen, seien sie nun Muslime oder seien sie auch einfach nur irgendwie dunkelhaarig und im Teint vielleicht nicht ganz und gar blass, berichten, dies sei ein empfindlicher Einschnitt in ihrem Leben gewesen: Fühlten sie sich bis dahin als ganz normale Bürger dieses Landes, teilte man ihnen nun in Briefen, im Vorbeigehen oder in Parlamentsreden mit, sie seien Vergewaltiger, Kopftuchmädchen und jedenfalls verdächtig. Unter dem perfiden Motto "Das wird man ja wohl noch sagen dürfen" wurde der Minimalkonsens der Republik, wonach nie wieder Menschen wegen ihrer tatsächlichen oder bloß ausgedachten Zugehörigkeit zu einer Gruppe verächtlich gemacht werden dürfen, jäh zerstört. Millionen von Deutschen - viele von ihnen offensichtlich nur vom Trieb gesteuert, mal so richtig krass aufzustoßen - haben es in diesem Jahrzehnt statthaft gefunden, Männer und Frauen in die Parlamente zu wählen, die, ganz nüchtern gesprochen, gruppenbezogen menschenfeindlich sind. Deren wesentliche Tätigkeit besteht darin, mit geifernder Gier Nachrichten von Verbrechen zu erwarten, deren mutmaßliche Urheber Namen tragen, die irgendwie nicht nach "Deutschland" klingen. Waren wir denn naiv, als wir uns vor zehn Jahren nicht vorstellen konnten, dass schon so bald wieder unverhohlene Niedertracht durch dieses Land ziehen würde?

Mit Tucholsky durch die zwanziger Jahre

Wir müssen uns unserer Naivität nicht schämen. Wir müssen weitermachen, weiterlachen. Denn auch das geschah in den zehner Jahren: Als mein Freund Joachim, ein allerdings temperamentvoller Radfahrer, im Sommer 2015 einen Geländewagenbenutzer, der ihn körpersprachlich nicht übermäßig innig liebkoste, im Gegenzug einfach nur anlachte, kapitulierte dieser und lachte zurück. Das war in Hannover und hätte überall sein können. "Man empfindet in Paris nach einiger Zeit, wenn man gemerkt hat, dass das Dasein gleitet und nicht hakt, wie einfach im Grunde das Leben ist", schrieb, unter dem beglückenden Einfluss "leichter und natürlicher Menschlichkeit", Kurt Tucholsky, ein guter Begleiter durch die zwanziger Jahre.

Alexander Solloch © NDR Foto: Christian Spielmann

AUDIO: NachGedacht: Die zwanziger Jahre (4 Min)

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | NachGedacht | 20.12.2019 | 10:20 Uhr

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