Stand: 16.08.2018 17:19 Uhr

NachGedacht: Die lustigen Jahre sind vorbei

von Alexander Solloch
Alexander Solloch ist Literaturredakteur bei NDR Kultur.

Eigentlich wollte ich sagen: Jetzt lasst doch mal den Seehofer in Ruhe. Ihr missversteht ihn ja alle! Der Mann mag doch Mütter, liebt sie gar, und wenn er also von der „Mutter aller Probleme“ spricht, so tut er das voller Zuneigung. Mit seiner Identifikation der  Zuwanderung als Problemmutter sendet er uns eine frohe Botschaft: Heißt das doch, dass all die Probleme, die für mindestens ebenso dringlich oder dringlicher gehalten werden müssten, offenbar schon längst gelöst sind - die Abartigkeiten auf dem Immobilienmarkt (wer ist noch gleich Bauminister?), die Verwüstung unserer Umwelt, der Verkehrsinfarkt in den Städten: alles halb so wild, solange es die Migration gibt, Seehofer macht Mut.

Und immer so weiter. Das wollte ich eigentlich sagen. Aber so kann es nicht mehr gesagt werden. Denn jetzt wird es ernst. Die lustigen Jahre sind vorbei. Mag wohl sein, dass "wir" noch mehr sind. Aber mit höchster politischer Unterstützung holen die anderen gerade beträchtlich auf; man fasst es nicht.

Qualvoller Rachefeldzug

Resümieren wir für diejenigen, die das Glück hatten, ein paar Wochen lang Urlaub von Deutschland zu machen, noch einmal kurz das neueste Elend. Eine im Bundestag vertretene Partei, die drittstärkste, hängt sich bei Neonazis und Hooligans ein. Ihr liebster Innenminister Seehofer, dessen qualvoller Rachefeldzug gegen Söder und Merkel kein Ende finden will, erklärt, er hätte auch gern demonstriert in Chemnitz, natürlich ohne Radikale. (Klar, ich äße auch gern Schokolade ohne Kalorien. Pardon. Keine Scherze. Also weiter.) Im übrigen, so Seehofer, dürfe man nicht zu voreiligen Schlüssen kommen. Also, prinzipiell darf man das seiner Meinung nach schon, aber bitte nur dann, wenn sie die schlimmen Ausländer betreffen. Das Bremer Oberverwaltungsgericht hat Seehofer diese Woche verbieten müssen, weiter zu behaupten, an der Bremer Bamf-Außenstelle würden zugunsten von Flüchtlingen bewusst gesetzliche Regeln missachtet. Niemand wird hingegen bestreiten können, dass gegenwärtig im Bundesinnenministerium bewusst Regeln des menschlichen Anstands missachtet werden.

Wie lange gilt die "Ewigkeitsgarantie"?

In unserer schönen Verfassung steht so manches unter "Ewigkeitsgarantie": die Menschenwürde, die Pressefreiheit, das… hoppla, was ist das? "Recht auf A…s…y…l"… nee, keine Ahnung, was das sein soll, sonst aber auf jeden Fall so einiges.  Aber wer sind die Ewigkeits-Garanten? Der Innenminister? Der "Verfassungsschutz"? Eine Behörde in solch miserabler Verfassung macht sich ungeheurer Anmaßung schuldig, wenn sie sich mit diesem edlen Namen schmückt. Sie soll mal durchaus nicht glauben, wir hätten ihre dubiose Rolle bei den NSU-Morden vergessen, eine Rolle, für die der Begriff "Ermittlungspannen" noch höchst liebevoll gewählt ist. Sagen wir es so, wie wir es von Hans-Georg Maaßen gelernt haben: Es liegen keine Belege dafür vor, dass das Bundesamt für Verfassungsschutz unsere Verfassung zu schützen beabsichtigt. Ein Verfassungsschutz aber, der auch nur in den Verdacht gerät, sich zum Rechtsbeistand für Radikale aufzuschwingen, wird ein Fall für sich selbst.

Wahlkabine ist kein Spielplatz

Es gibt also die Ewigkeitsgarantie, aber sie garantiert nichts. Keine Garantie gibt es für unseren schönen Frieden, keine Garantie für unsere kommode Freiheit. Manchmal ist es nicht verkehrt, auf die Schriftsteller zu hören: "Immer nach zwei oder drei Generationen, wenn das Gedächtnis verkümmert und die letzten Zeugen der vorherigen Massaker sterben, erlischt die Vernunft, und die Menschen säen wieder das Böse", schreibt der Europäer Olivier Guez in seinem gerade auf Deutsch erschienenen Roman "Das Verschwinden des Josef Mengele". Wenn es aber irgendeine Lehre aus der Geschichte gibt, dann die, dass Nationalismus und Hass immer Krieg bedeuten. Krieg. Mord. Zerstörung. Die Wahlkabine ist kein Spielplatz. Jeder von uns muss sich schon fragen: Was werden meine Kinder, meine Nichten, meine Neffen einmal sagen? Werden sie sagen: Es ging euch doch so gut - warum habt ihr das alles weggeworfen? Ihr hättet sogar noch die Zeit gehabt, den Planeten zu retten; aber toll, dass ihr unsere Islamisierung abgewehrt habt, super, vielen Dank. Für nichts.

Und nun? Wenn Horst Seehofer endlich in den unverdienten Ruhestand tritt, kann er demonstrieren, wie er will, und alle können frei aufatmen. Das wäre ein erster Schritt, auf den hinzuarbeiten wäre, zum Beispiel von den… ja hallo, Sozialdemokraten - ihr seid ja auch noch da! Schön, dass ihr wieder mitmacht, kein Witz.

Alexander Solloch © NDR Fotograf: Christian Spielmann

Nachgedacht: Die lustigen Jahre sind vorbei

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Leider, meint unser heutiger Kolumnist Alexnder solloch, leider kann man nicht immer über Buttercremetorte nachdenken. Es könnte so schön sein. Ist es aber nicht.

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Unsere Kolumnisten lassen die Woche mit ihren Kulturthemen Revue passieren und erzählen, was sie aufgeregt hat. Persönlich, kritisch und gern auch mit ein wenig Bösartigkeit gespickt. mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | NachGedacht | 14.09.2018 | 10:20 Uhr