Stand: 14.06.2018 18:19 Uhr

NachGedacht: Der Fußball und Die Große Verwirrung

von Ulrich Kühn

Wer sich vor Smalltalk fürchtet, muss keine Angst mehr haben. Jedenfalls ein paar Wochen lang. Es gibt jetzt ein Thema, das jedes Gespräch im Fluss hält. Keine Frage, der Fußball ist eine runde Sache. Unser Kolumnist Ulrich Kühn kann natürlich auch mitreden. Er hat eine Entdeckung gemacht, die Sie sich für den Smalltalk merken können.

Alle sprechen darüber. Alle? Ja, alle. Also los.

Die Zeitschrift "Chrismon" hat ein Interview mit einem evangelischen Stadionpfarrer geführt. Er heißt Eugen Eckert und sitzt, das sehen wir auf einem Foto, im Ornat mit Beffchen in der Frankfurter Fußball-Arena, die auf den Namen einer Bank getauft ist. Hinter ihm jede Menge leerer Plätze, darüber die Dachkonstruktion. Es wäre leicht, bei Betrachtung dieses Fotos an leere Kirchenbänke zu denken, aber Pfarrer Eckert zeigt ein so gewinnendes Lächeln, als hätte seine Mannschaft gerade im Pokalfinale gesiegt. In seiner Rechten hält er einen Fußball, auf dem geschrieben steht: "Ich glaub' dran."

Im Interview erklärt Pfarrer Eckert, dass in der Frankfurter Stadionkapelle nicht für den Sieg gebetet wird, wohl aber für ein faires Spiel. Er sagt: "Die Kirche muss sich unbedingt etwas von der Begeisterungsfähigkeit des Fußballs abgucken." Später ergänzt er: "Die Fans sind mit Leib und Seele dabei - es wäre toll, wenn auch die Kirchen das bei ihren Anhängern erreichen könnten."

Fußball als Vorbild fürs Gemeindeleben?

Die Idee ist interessant. Wer sich für Fußball interessiert - glauben Sie mir, Kulturschaffende sind da extrem anfällig, Radioschaffende auch -, wer sich nur ein bisschen dafür interessiert, kennt Theorien, denen zufolge der Fußball vergottet wird als Zentrum einer Ersatzreligion, in deren Dienst die Gläubigen in den Stadien ihren schrägen Kultus abfeiern. Aber dass ein Pfarrer in der Commerzbank-Arena sitzt und den kommerzialisierten, ersatzreligiösen Fußball als Vorbild fürs Gemeindeleben preist - also, mir war das neu. "Ich glaub' dran", steht auf dem Ball in seiner Hand, und man überlegt spontan, ob man dem Slogan ein paar zweifelnde Gedanken widmen sollte, etwa: Ist Gedankendoping erlaubt, damit nur mehr Christen wieder den Funken in sich spüren?

Phänomen der "Großen Verwirrung"

Vielleicht liege ich total daneben, aber könnte die Sache von ganz, ganz fern mit einem Phänomen zu tun haben, das uns zurzeit beschäftigt? Ich taufe es probehalber "Die Große Verwirrung". Man meint ja fast, schlechterdings alles, das kürzlich noch auf stabilem Grund stand, werde aufgewirbelt und in die Wirrnis geschleudert: Begriffe, Ideen, Institutionen, Ämter, Menschen - alles. Und in dieser kraftvoll angerichteten Verwirrung wird gekämpft: Wer kriegt die aus der Verwurzelung gerissenen Elemente zu packen, wer pflanzt und definiert sie neu? Was steht im Schatten, was im Licht? Was gilt als richtig, als falsch?

Die Plastik "Der Denker" des Bildhauers Auguste Rodin.

Der Fußball und Die Große Verwirrung

NDR Kultur - NachGedacht -

Wer sich vor Smalltalk fürchtet, muss keine Angst mehr haben. Es gibt jetzt ein Thema, das jedes Gespräch im Fluss hält. Keine Frage, der Fußball ist eine runde Sache.

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Mensch existiert halt in Widersprüchen

Es ist ein Kampf um Sprache und Gedanken, um Hoheit im Diskurs. Er wird mit Härte geführt, und als sanftmütiger Mensch muss man teuflisch aufpassen, nicht von einer Kampfpartei zwangsrekrutiert oder zum Gegner rüber geschubst zu werden. Bist du dafür? Dagegen? Wer auf solche Fragen nicht sofort "ja" oder "nein" sagt, hat's schwer. Dabei ist es menschlich, Dinge erst mal von verschiedenen Seiten anschauen zu wollen. Wie es menschlich ist, sofort sein Urteil fertig zu haben. Der Mensch existiert halt in Widersprüchen.

Fußball als Garant für Frieden?

Schön und gut, sagen Sie, nur was, um Himmels willen, hat das mit dem Fußball zu schaffen, mit der FIFA WM und Pfarrer Eckert? Vielleicht fast nichts. Ich frage mich nur, ob die Fußballwelt nicht auch schön kräftig erfasst ist von der großen Begriffs- und Werteverwirrung. Und ob es schlüssig ist, just die Fußballbegeisterung in die Kirche zu transferieren. So schön der Fußball sein kann, erst recht, seit Intelligenz ins Spiel kommt - aber das Heil im Fußball suchen? Fußball als Garant für Frieden, Völkerverständigung, Integration, als Lieblingsmetapher aller Politiker - und jetzt auch noch als Vorbild für christlichen Enthusiasmus? Mit Pfarrer Eckerts Ball gesagt, um ein Wörtchen ergänzt: Ich glaub' nicht dran.

Klar, jetzt wollen Sie wissen, ob der moralinschleudernde Kolumnist nicht heimlich WM-Fußball guckt. Nö, macht er nicht. Also, ich meine: nicht heimlich. Hatte ich es erwähnt? Der Mensch ist ein widersprüchliches Wesen.

 

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NachGedacht

Unsere Kolumnisten lassen die Woche mit ihren Kulturthemen Revue passieren und erzählen, was sie aufgeregt hat. Persönlich, kritisch und gern auch mit ein wenig Bösartigkeit gespickt. mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | NachGedacht | 15.06.2018 | 10:20 Uhr