Stand: 11.10.2018 13:28 Uhr

NachGedacht: Alles gut?

von Alexander Solloch
Alexander Solloch ist Literaturredakteur bei NDR Kultur.

Wenn man sich nicht sowieso schon um den Hals fällt, weil man irgendwann einmal in derselben Stadt im selben Jahrzehnt dieselbe Straße überquert hat, geht man hier zumindest rhetorisch aufs Ganze. Der neue Schlachtruf unserer Zeit - vor zwei bis drei Jahren ungefähr zur Welt gebracht - dürfte auf der Buchmesse zu den meistgehörten Lautäußerungen gehören: "Alles gut?", immer mit mindestens einem Ausrufezeichen auszusprechen.

"Alles gut" ist keine Frage, sondern eine Anordnung, was spätestens dann zutage tritt, wenn man aus Versehen die gebotene Antwort - "Alles gut!" - vergisst und durch ein naives "Soweit ja" oder "Ja, schon, bis auf das eben, was nicht gut ist" ersetzt. Dann schaut einen ein plötzlich verschattetes Gesicht an, und keiner kann mehr sagen: Frankfurt liest. Es heißt stattdessen: Frankfurt runzelt. Die denkende Stirn.

Woher kommt die Floskel?

Alles gut. Wie hat es diese totalitäre Floskel geschafft, sich im harten Kampf der Worte und Wendungen um Aufmerksamkeit so schnell und so dominant durchzusetzen? Hängt ihr schneller Erfolg mit unserem radikalen Glücksanspruch zusammen, der uns eingibt, jeden Tag so zu nutzen und zu genießen, als sei es der letzte, während man doch den Tag lieber einfach so leben möchte, als wäre es ein Tag? Ist die Floskel eine Frucht unserer steten Arbeit am perfekten Job, perfekten Körper, perfekten Partner und perfekten Kind, mit welch letzteren man den perfekten Urlaub am perfekten Strand durchzuführen gedenkt, damit dann wirklich einmal alles gut ist? Oder barg die jäh abgelöste Formel "Wie geht’s?" die allzu große Gefahr, es könnte einen tatsächlich jemand mit seiner uninteressanten Befindlichkeit behelligen? "Alles gut?" hingegen lässt nur den einen Ausweg zu, und danach kann man dann endlich übers Geschäft reden. Man möchte ja der Distributionsleiterin des Kießling-Verlags auch gar nicht unbedingt die Schulprobleme der Kinder auftischen.

Wem nützt die Klage?

Aber "Alles gut?" - was für eine bedrückende Erwartung! Da kann man dann ebenso gut den Lyriker "Alles reich?" oder den Kritiker "Alles schlank?" oder den Leverkusen-Fan "Alles Meister?" fragen. Tut man ja auch nicht. Von wegen der Pietät.

Zwei Möglichkeiten ergeben sich aus diesen Überlegungen zwangsläufig. Wir können zum einen proklamieren: Die neue Fragefloskel, angepasst an die Erfordernisse unserer Zeit, laute fortan "Manches gut?" Oder wir unterlassen es von nun an, die ehrliche Antwort zu ächten.

"Alles gut, Karen Duve?" Da seufzt die Schriftstellerin und sagt: "Wem nützt es, wenn ich klage?" Oh, das hat Klasse, das hat Stil! Wem nützt die Klage - na, dem Hörer natürlich, der doch, wenn er ehrlich ist, kaum etwas mit wonnigerem Vergnügen tut, als jemandem beim Klagen zuzuhören. Die Sprache, die Literatur, der Fußball - sie alle sind doch hervorgegangen aus der Freude des Menschen an der Klage. Wem nützt sie? Mir. Und allen anderen auch.

Klagen eignen sich besser zum Nachlesen

Karen Duve hat dann doch nicht geklagt. Was sie zu klagen hätte, kann man ja alles nachlesen in ihren ziemlich gegenwärtigen Zukunftsentwürfen, in denen Orkane, Sturmfluten und Sommerdürren dem Menschen mitteilen, dass er ein bisschen was falsch gemacht hat in letzter Zeit. Das allerdings bereitet dann in so beträchtlicher Weise keinen Spaß, dass man unwillkürlich eine Alternativklage formuliert. Karen Duve hat ja zwischenzeitlich einen neuen Roman geschrieben, "Fräulein Nettes kurzer Sommer", über Annette von Droste-Hülshoffs unglückliche Liebe und ihren unkonventionellen Drang zur Kunst: hinreißend erzählt, aus Spaß am Erzählen, ohne jede Angeberschlaufe, ohne jeden effektheischenden Trick. Das aber war der Buchpreisjury nicht die geringste Aufmerksamkeit wert, weil sie, nur leider am untauglichen Buch, Politik zu machen gedachte. Das ist zu beklagen.

Alles gut also in Frankfurt? Och ja. Die Sonne scheint. Wem nützt es, wenn sie es nicht tut?

Alexander Solloch © NDR Foto: Christian Spielmann

NachGedacht: Alles gut?

NDR Kultur - NachGedacht -

Alexander Solloch schaut und hört sich zurzeit auf der Frankfurter Buchmesse um. Dabei stellt er fest, dass sich eine bestimmte Floskel im harten Kampf der Worte bei uns durchgesetzt hat.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | NachGedacht | 12.10.2018 | 10:20 Uhr