Stand: 08.11.2018 19:39 Uhr

NachGedacht: Es lebe die schlafende Republik!

von Alexander Solloch
Alexander Solloch ist Literaturredakteur bei NDR Kultur.

Kurz nachdem er den Rechner hochgefahren hatte, wo 18 ungelesene Mails um seine Aufmerksamkeit rangen, während die WhatsApp-Gruppe nun endlich eine Vorentscheidung in der Frage forderte, wer denn heute Mittag die Kinder von der Schule abhole und wenn ja, wohin, brach er zusammen. "Unter uns, ich glaube, ich habe die Hektik", schrieb er noch, und nur genaue Quellenkritik fördert zutage, dass diese Zeilen zwar in Hannover, aber schon am 15. Mai 1772 geschrieben wurden von Georg Christoph Lichtenberg. Es war auch vor der digitalen Revolution jede Epoche die schnellste, nervöseste, hektischste aller Zeiten. Maschinen beschleunigen allenfalls, was in Mentalitäten ohnehin angelegt ist.

"Ich habe die Hektik", sagt der Deutsche, und seine Hektik sagt: "Ich weiß, ganz ruhig, und jetzt steh auf, steh auf, aber schnell!" Sobald der ICE in Hamburg-Harburg sich in Bewegung setzt, zwölf Minuten also vor seiner Ankunft im Hauptbahnhof, erheben sich alle von ihren Plätzen, raffen eilig ihre Habseligkeiten, die heute früh noch so herrlich in den Rucksack passten und jetzt nichts als Verstopfung verursachen, zusammen, um dann elf Minuten lang sinnlos im Gang herumzustehen und aufs Demütigendste hin- und hergeschleudert zu werden, aber immerhin: Man steht, im Großen und Ganzen.

Hektik spart Zeit und Geld

Aus dieser Einsicht in die Verfasstheit der Deutschen hat Sahra Wagenknecht ihre neue Sammlungsbewegung "Aufstehen" genannt. Hieße sie "Früh aufstehen", dann hätte sie sogar Erfolg: Nichts ist uns so heilig und unantastbar wie das frühe Aufstehen, Ausweis von Anstand und Ambition. Es ist hier schon einmal gesagt worden und sei, da ja in vielen Fällen die Schulpflichtigkeit geliebter Kinder nicht geringer geworden ist, gern wiederholt: Zu unseren schrecklichsten Verfehlungen im Umgang mit den uns anvertrauten Kleinen gehört der schier unabänderliche Eifer, mit dem wir sie zu nachtschlafender Zeit aus dem Bett zerren und in die Schule zwingen.

Die Lernforschung hat alle Beweise für die Absurdität dieser Früh-Versklavung längst erbracht, aber selbst wenn sie bewiese, dass Kinder, die ihrem Lebensrhythmus folgen dürfen, dann auch eher geneigt sind, im Unterricht die Formel für den Weltfrieden zu entdecken, würde sich ja doch nichts ändern. Was ist schon der Weltfrieden gegen unsere schöne Hektik? Sie spart Zeit und also Geld, und von beidem kann man nicht genug haben.

Banane vs. Banane - bringt das was?

"So verprasst der Staat unsere Steuern", trompetete diese Woche die BILD-Zeitung, das amtliche Organ des Bundes der Steuerzahler. Der hat in seinem aktuellen "Schwarzbuch" kleinmütig wieder einmal allerlei Haarzusträubendes zusammengestellt, so recht dazu angetan, den hektischen Erbsenzähler in uns auch bereits um sechs Uhr früh in Wallung zu bringen. Frühaufsteher Reiner Holznagel, der Präsident des Steuerzahlerbundes, beklagt z.B. die fürchterliche Verschwendung in der Region Hannover, wo man sich einen Krankenwagen für angefahrene Wölfe leiste, obwohl es dort gar keine Wölfe gebe: 11.000 Euro koste das, unglaublich!

Aber doch (will man einwenden) weit weniger, als die Deutschen täglich für den Erwerb der BILD-Zeitung ausgeben, und wer meint, da würden jetzt aber unzulässig Äpfel mit Birnen verglichen, kann ja gern mal ausprobieren, was ihm der zulässige Vergleich einer Banane mit einer Banane eigentlich bringt; beide sind eben krumm, was soll's?

Es lebe der lange ungestörte Schlaf

Nein, man darf an diesem 9. November, an dem es 100 Jahre her ist, dass mutige Menschen eine deutsche Republik ertrotzten, die immerhin das Zeug gehabt hätte, eine Republik der freien Geister zu werden, man darf an diesem Tag doch daran erinnern, dass wir Republikaner uns nicht zu einer ganzrationalen Zweckgemeinschaft zusammengeschlossen haben, die ihre höchste Erfüllung darin findet, morgens um sieben den Bestand ihrer Büroklammern zu ermitteln.

Der freie Mensch zeigt sich an seiner Bereitschaft, sich dem schönen Gedanken zu verschreiben, dem Guten, das ihm nichts einbringt, dem Willen, den Wolf zu pflegen, falls er doch mal vorbeischaut mit blutender Pfote. Die Zeit ist um, darum die hektische Conclusio: Es lebe die Republik, es lebe jeglicher Krankenwagen, es lebe, verdammt nochmal, der lange ungestörte Schlaf!

Alexander Solloch © NDR Foto: Christian Spielmann

Es lebe die schlafende Republik!

NDR Kultur - NachGedacht -

Alexander Solloch legt Wert auf die Feststellung, dass ihm diese Gedanken morgens um halb sieben im Zug gekommen sind. Vielleicht erklärt das ja manches.

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Unsere Kolumnisten lassen die Woche mit ihren Kulturthemen Revue passieren und erzählen, was sie aufgeregt hat. Persönlich, kritisch und gern auch mit ein wenig Bösartigkeit gespickt. mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | NachGedacht | 09.11.2018 | 10:20 Uhr

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