Stand: 02.07.2020 18:27 Uhr

Mehr Europa wagen!

von Stephanie Pieper
Stephanie Pieper ist Leiterin der Redaktion "Kulturelles Wort" bei NDR Kultur.

Am Montag wird der Louvre wieder für das Publikum öffnen - und es ist eine verführerische Aussicht, da weniger Besucher als früher erlaubt sind, einmal im Leben ganz kurz ganz allein im Saal mit der verschmitzt lächelnden Mona Lisa von Leonardo da Vinci zu sein. Man könnte sich im Louvre aber auch die mutmaßlich weniger bestürmte, mehr als 2.000 Jahre alte, aus Süditalien stammende Vase ansehen, auf der ein Porträt der Europa abgebildet ist - jener Gestalt aus der griechischen Mythologie, in die sich Zeus verliebte und die zur Namensgeberin eines ganzen Kontinents wurde. Ihr Bildnis auf der im Louvre ausgestellten Vase ist heute in unseren Portemonnaies auf manchen Euro-Banknoten zu finden.

Die Herausforderungen der EU-Ratspräsidentschaft

Die moderne Europa ist, wenn man so will, Angela Merkel - die nun erneut die Aufgabe hat, für Deutschland die EU-Ratspräsidentschaft zu gestalten. Seit bald 15 Jahren prägt die Kanzlerin das politische Geschehen auf diesem Kontinent, sie ist krisenerprobt, standhaft in nächtelangen Verhandlungen. Doch bei der Fragestunde im Bundestag in dieser Woche habe selbst sie "erschöpft" gewirkt, notierte eine Beobachterin des Hauptstadtgeschehens. Und wer kann es Merkel verdenken, in diesem Jahr, in dem eine neue Krise neue Herausforderungen bringt - für Deutschland und für Europa.

Auch Europa wirkt in der Corona-Pandemie erschöpft. Die Tendenzen zur Abgrenzung, zur Abschottung, zu Alleingängen - die es vorher schon gab - haben sich verschärft in den vergangenen Monaten. Mühsam versucht man nun, sich wieder zusammenzuraufen, die Grenzen auch im übertragenen Sinne zu öffnen. Denn die drei M allein - Macron, Merkel, Meseberg - werden es nicht richten können. Ein gemeinsamer Wiederaufbaufonds, der noch nicht mal beschlossene Sache ist, mag die Corona-Wunden in den Mitgliedsstaaten mit Pflastern und Verbänden versehen. Doch die Pandemie hat - ungeachtet aller Solidaritätsbekundungen - das Bemühen um mehr europäische Einigung eher zurückgeworfen; und nur mit Geld wird sich nicht kitten lassen, was durch das Virus wieder aufgebrochen ist.

Die Zukunft Europas in einer sich wandelnden Welt

Dabei wäre es in der sich abzeichnenden Weltordnung des 21. Jahrhunderts essenziell, dass die EU mit ihren 450 Millionen Einwohnern ihr Gewicht in die Waagschale wirft: Die USA werden sich womöglich unabhängig davon, wie die Wahl im November ausgeht, von der globalen Bühne eher zurückziehen. Dieses Vakuum nutzt China, um seine politischen und wirtschaftlichen Interessen knallhart durchzusetzen - und führt just dieser Tage in Hongkong vor, dass es sich um internationale Kritik keinen Deut schert. Auf diese schleichende Neupositionierung Chinas hat Europa - im Spannungsfeld zwischen Kritik an einem nicht-demokratischen Regime einerseits und den Verlockungen des riesigen Marktes andererseits - bis heute keine Antwort gefunden. Ebenso wenig auf das Machtgebaren eines Wladimir Putin in Russland, der sich gerade von seinem Volk hat absegnen lassen, dass er de facto auf immer und ewig die Zügel des Landes in seinen Händen hält. Und dass nach dem Brexit mit Blick auf die künftigen Beziehungen ein "no deal" zum Jahresende ein "bad deal" wäre, wissen die Kontinentaleuropäer zwar nur zu gut; aber das nützt ihnen auch nix, wenn Boris und seine Briten es nicht kapieren. Angela Merkel ist mithin in den kommenden sechs Monaten nicht zu beneiden - von den Herausforderungen durch den Klimawandel und die Digitalisierung, die nebenbei auch gemeistert werden wollen, mal ganz zu schweigen.

Von den "Vereinigten Staaten von Europa", wie sie Winston Churchill nach dem Zweiten Weltkrieg - wenn auch zunächst ohne Großbritannien - erträumte, scheinen wir uns also gerade wieder zu entfernen. Was jammerschade ist. Zu welcher gerade kulturellen Blüte dieser Kontinent fähig ist, in guten wie zum Glück auch in schlechten Zeiten, lässt sich im Louvre - und nicht nur dort - bewundern. Schauen wir uns die legendäre Europa genau an - und wagen wir mehr Europa.

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Mehr Europa wagen!

Die Geschichte, die Gegenwart, die Zukunft Europas - darüber denkt unsere Kolumnistin Stephanie Pieper in dieser Woche nach. Dazu passt, dass sie gern nach Paris reisen würde. Audio (04:07 min)

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | NachGedacht | 03.07.2020 | 10:20 Uhr