Stephanie Pieper © NDR/ Foto: Christian Spielmann

Lüfte lieber ungewöhnlich

Stand: 22.10.2020 17:14 Uhr

Um die Ausbreitung des Corona-Virus einzudämmen, wird nun allseits das Lüften empfohlen. Darüber denkt frohgemut unsere Kolumnistin Stephanie Pieper nach.

von Stephanie Pieper

Endlich! Seit Jahrzehnten warte ich auf diese Empfehlung von oberster Stelle. Um den bedrohlichen, womöglich Corona-geschwängerten Aerosolen in Innenräumen den Garaus zu machen, sollen wir alle möglichst oft lüften – erst recht, wenn wir es gewagt haben, uns in Innenräumen mehr als 15 Minuten lang ohne Maske und gar mit nur 1,49 Metern Abstand zu begegnen. Ob in Kitas oder Schulen, ob zuhause oder am Arbeitsplatz: Lüften ist der Trendsport in diesem Herbst und im bevorstehenden Winter. Dauerlüften, Querlüften, Stoßlüften – herrlich! Ich bin nämlich die Meisterin des Lüftens.

Hartes Training und überlebensnotwendige Technik

Wie kann man auch schöner den Tag beginnen, als am Morgen den Mief und den Muff in der Wohnung oder im Büro durch das beherzte Aufreißen von Fenstern zu vertreiben? Und zwar unabhängig davon, welche Temperatur das Außenthermometer anzeigt. Oder, wie es im Fachjargon heißt: "die Abführung unerwünschter Stoffe aus der Innenraumluft" durch "thermische Konvektion" oder "maschinelle Lüftung" zu erreichen. Endlich befassen sich auch die politisch Verantwortlichen damit, dem Lüften in Deutschland jene Bedeutung beizumessen, die es verdient.

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Ein halboffenes Fenster mit Blick ins Grüne. © Susann Städter / photocase.de Foto: Susann Städter / photocase.de

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Sehr zum Leidwesen meiner Familie und meiner Freunde, die für einen Besuch bei mir vorsichtshalber Strickjacke und Wollsocken einpacken, praktiziere ich das ausgiebige Lüften seit Jahren und zu jeder Jahreszeit. Als die Welt von Sars-CoV-2 noch nichts ahnte, habe ich mir diese nun geradezu überlebensnotwendige Technik durch hartes Training angeeignet - und bisweilen ohne jede Rücksicht auf die mit mir lebenden Menschen.

Kippstellung, Gummiabdichtungen und Thermoverglasung - was kann es Schöneres geben?

Bei mir ist diese deutsche Leidenschaft für das Lüften also besonders ausgeprägt. Es überrascht daher nicht, dass internationale Medien wie der "Guardian" dieser Tage ihre Berlin-Korrespondenten bitten, dem heimischen Publikum doch dieses komische "Lüften" zu erklären, für das es keine wirklich passende englische Übersetzung gibt. Es ist somit auch kein Zufall, dass der Artikel in der deutschsprachigen Wikipedia über das Lüften ungefähr fünf Mal so lang ist wie der in der englischsprachigen.

Wer mal eine Weile auf der britischen Insel oder auf dem nordamerikanischen Kontinent gewohnt hat, der wird bemerkt haben, dass das systematische Lüften nach deutscher Art dort eher nicht so verbreitet ist. Wobei: Die in diesen Weltgegenden üblichen hoch-runter-Schiebefenster erledigen das mit dem Lüften meist auch in geschlossenem Zustand, weil es sowieso durch alle Ritzen pfeift, was den Luftaustausch ja auch irgendwie befördert.

Nele Pollatschek beschreibt in ihrem Buch "Dear Oxbridge" treffend, worauf man sich einstellen muss: "(…) einfach verglaste, nicht isolierte, nicht wirklich schließende Fenster. (…) Erst wenn man eine Weile in England lebt, erkennt man, wie genial deutsche Fenster sind: Kippstellung, Gummiabdichtungen und zweifache, manchmal sogar dreifache Thermoverglasung, was kann es Schöneres geben?“

Lüften kann Corona-gebeutelte Wirtschaft ankurbeln

In der Tat, wie schon gesagt: nur wenig. Die deutsche Fensterherstellungsindustrie gehört unbedingt zu den "hidden champions" des Landes. Die von ihr ersonnenen Lüftungsmöglichkeiten - Fenster auf kipp, Fenster halb geöffnet, Fenster ganz geöffnet -, sind ein täglicher Quell der Freude für Lüft-Enthusiasten wie mich. Dem Lüften in den Schulen, gibt auch der niedersächsische Kultusminister zu Protokoll, komme jetzt eine "Schlüsselrolle" zu.

Die SPD in NRW beklagt zwar, es drohe wegen des exzessiven Fensteraufreißens nunmehr das "frierende Klassenzimmer". Aber so schön dieses Wortspiel auch ist: Wenn das viele Lüften hierzulande die Pullover- , Jacken- und Schal-Konjunktur ankurbelt, soll es der Corona-gebeutelten Wirtschaft doch bitteschön auch recht sein.

Im Übrigen lese ich, dass sich die Mannschaft meines Vereins - Werder Bremen, welcher denn sonst? - in Quarantäne befindet. Wurde wohl nicht genug gelüftet in den Kabinen des Weserstadions. Ich sag's ja.

 

Stephanie Pieper © NDR/ Foto: Christian Spielmann

AUDIO: Lüfte lieber ungewöhnlich (4 Min)

 

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | NachGedacht | 23.10.2020 | 10:20 Uhr

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