Stand: 13.12.2018 18:07 Uhr

Lob des Buchs

von Natascha Freundel

Na, haben Sie schon alle Weihnachtsgeschenke beisammen? Sagen Sie bloß, es ist ein Buch dabei? Nicht nur eins? Sie trauen sich was! Wer liest denn heute noch Bücher? Ein E-Book, schwerelos und unfassbar wie ein warmer Windzug im Dezember, das geht ja noch. Das lädt man leichthin auf den E-Reader oder das Tablet und durchfährt es mit spitzen Fingern in der blitzschnellen Bahn, wenn sie denn fährt. That’s state of the art!

Aber Bücher, aus Papier, Leinen und Leim, aus Karton und Druckerfarbe, die sind doch und waren schon immer: ein Klotz. Ein Buch braucht Platz, staubt ein, zwei Bücher brauchen bald ein Regal, aber Regale mit Büchern sind von gestern, lehrt uns ein großes Möbelhaus, die Designfabrik für dich und mich, deren Regale neuerdings leer mit wenigen Wollknäueln vermarktet werden. In nackten Räumen hallt die eigene Stimme so schön wider, ist das ein Grund für den neuen Minimalismus? Hoch lebe der solitäre Mensch?

Sehr verliebt mit Ludwig Wittgenstein

Sie ahnen, ich gehöre auch zu denen, die vom Buch nicht lassen können. Von Bücherbergen. Was haben wir uns abgeschleppt beim letzten Umzug! Dann standen die Kisten überall im Weg, monatelang, weil wir die Tausende Euro für passende Bücherbehausungen nicht locker hatten, und irgendwann entschieden, die Regale selbst zu bauen, den halben heißen Sommer lang. Die Nachbarn lächelten dazu, murmelten was von "Billy", gingen kopfschüttelnd weiter. Nun aber, pünktlich zum Fest, haben die Bücher ihre neuen Regalböden bezogen. Bücher, die ich beinah vergessen hatte.

Als ich sie auspackte, war es wie ein Wiedersehen mit alten, engen Freunden: "Sich in einer Stadt nicht zurechtfinden heißt nicht viel. In einer Stadt sich aber zu verirren, wie man in einem Walde sich verirrt, braucht Schulung." Walter Benjamin, "Berliner Kindheit um Neunzehnhundert", kunterbunt markiert. Mit farbigen Wegweisern habe ich im Studium versucht, den Text zu entwirren, um mich nur tiefer zu verirren. "Ein Kuss ist freilich auch ein Ritus und er fault nicht; aber eben nur soviel Ritus ist erlaubt als so echt ist wie ein Kuss", habe ich mir bei Ludwig Wittgenstein angestrichen, denn damals ich war ich sehr verliebt.

Bücher als Brücken in eine verlorene Zeit

"Über die Religion" von Lenin, printed in the German Democratic Republik, stammt noch aus meiner Schulzeit. Der ganze Proust, "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit", in Leinen und im Schuber, war mein Entgelt für ein Praktikum im Suhrkamp Verlag. "Immer die in Zimmern eingesperrte Weltgeschichte", notierte Kafka im Tagebuch; aber diese Bücher sind nur meine persönliche Geschichte. Sie erinnern mich an Orte und Menschen, die mich geprägt haben. Eine Landzunge zwischen zwei Elbarmen, eine Brücke über den Main, ein überfüllter Hörsaal.

"Erstaunlich, dass etwas eigentlich so Winziges wie ein Selbst einander widerstreitende Unterexemplare eines Selbst enthalten kann", finde ich bei Philip Roth wieder. Was wäre ich ohne die Unterexemplare meines Selbst in den Büchern an der Wand? Und sollte mich einmal die Krankheit des Vergessens heimsuchen, Demenz, Alzheimer, dann können mir die Bücher vielleicht ganz neue, fremde Geschichten erzählen oder doch Brücken auf die Insel meiner verlorenen Zeit schlagen. Es werden immer Weltgeschichten sein, die ich anfassen, aufschlagen, riechen kann. Dann finde ich die große Emily Dickinson wieder, mit der Bleistiftwidmung eines gewissen Sascha, und lese staunend:

"Wir leben schweizerisch –
So still – so kühl –
Bis irgendeines nachmittags
Der Vorhang bei den Alpen fehlt
Und wir die Ferne sehn!

Italien liegt da drüben!
Als Wache dazwischen stehn
Erhaben – die Alpen –
Becircend – die Alpen
Und mischen sich ewig ein!"

 

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | NachGedacht | 14.12.2018 | 10:20 Uhr

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