Stand: 15.08.2019 13:45 Uhr

Liebe für alle?

von Natascha Freundel

Wem alles stinkt, dem stehen heute alle Kanäle offen, so scheint es. Politiker missverstehen ihr Amt als Lizenz zum Pöbeln. Hass auf Minderheiten und Migranten sorgt für Likes beim Wahlvolk weltweit. Vielleicht ist es Zeit für eine neue Politik der Liebe? Natascha Freundel hat nachgedacht.

Natascha Freundel hat nachgedacht.

Neulich machte der wunderbare Menschenkenner und Krimiautor Friedrich Ani einen merkwürdigen Vorschlag: Er meinte, "das menschenverachtende Gebrüll von rechts" gehöre zu unserer Kommunikation, "ob wir wollen oder nicht". Wir bräuchten Fakten und Argumente und vor allem "ein Übermaß an Empathie": "Vielleicht sollte die Politik per Gesetz Liebe verordnen und Handbücher verteilen mit den goldenen Regeln fürs gegenseitige Umarmen."

Mir fiel sofort der Hilferuf des hoch geschätzten Kollegen Alexander Solloch ein, der einmal an dieser Stelle von tagtäglicher Umarmerei Abstand zu nehmen wünschte. Mehr noch aber musste ich an Erich Mielke denken, vor 30 Jahren in unserer "Flimmerkiste". Wie der furchtbare, plötzlich furchtbar hilflose, nach Luft schnappende Stasiführer ausrief: "Ich liebe doch alle, alle Menschen!" Was haben wir gelacht! Nur lässt mich seither jeder Liebesverordnungsvorschlag, so ironisch er auch immer daherkommt, an die Mielkesche Liebeserklärung denken, an kalte Folterkeller und Wanzen im Bett. Auch hat die DDR-Schule dafür gesorgt, dass mir das christliche Dogma der Nächstenliebe fremd geblieben ist. Und lehrt uns nicht die Liebe selbst, dass sie gar nicht lieb ist, sondern besitzergreifend, eifersüchtig, intolerant und schmerzhaft?

Muss es gleich Liebe sein?

Weitere Informationen

NachGedacht

Unsere Kolumnisten lassen die Woche mit ihren Kulturthemen Revue passieren und erzählen, was sie aufgeregt hat. Persönlich, kritisch und gern auch mit ein wenig Bösartigkeit gespickt. mehr

Trotzdem lässt mich Friedrich Anis romantischer Vorstoß nicht los. Hass ist ja auch keine Lösung. Hass ist was für Männer, die nichts so sehr hassen wie Machtverlust. Hass ist was für Frauen, die es lieben, von hassenden Männern umgeben zu sein. Hass kann tiefe Wunden verschließen wie ein Verband, der zur zweiten Haut wird und nie Luft an den Eiter lässt. Mir haben Pflaster bisher gereicht, und ich kann nicht einmal Mielke richtig hassen.

Leider kann man die Pöbler in der Politik und ihr Wahlvolk nicht ignorieren. Sie werden einfach zu viele. Aber muss es gleich Liebe sein? Liebe für alle? Das schafft vielleicht nicht einmal Friedrich Ani. Aber in seinem neuesten Roman "All die unbewohnten Zimmer" beschreibt er Alte wie Junge, Einheimische wie Eingewanderte so, dass man ihnen sofort eine behagliche Wohnung mit Südbalkon geben möchte, wenn man nur könnte.

Ein sagenhaftes Buch: Man sieht die Leute danach mit anderen Augen. Man sieht sie überhaupt. Gerade die Unbehausten, Orientierungslosen, Wartenden. Vielleicht sollte die Politik per Gesetz gute Romane verordnen und Handbücher verteilen mit den goldenen Regeln der gegenseitigen Wahrnehmung. Dann ergibt sich vielleicht auch die eine oder andere ungeahnte, wärmende, liebenswerte Umarmung.

Natascha Freundel © NDR Foto: Christian Spielmann

NachGedacht: Liebe für alle

NDR Kultur - NachGedacht -

Politiker missverstehen ihr Amt als Lizenz zum Pöbeln. Vielleicht ist es Zeit für eine neue Politik der Liebe? Natascha Freundel hat in unserer Kolumne nachgedacht.

5 bei 3 Bewertungen

Mit von 5 Sternen

bewerten

Vielen Dank.

schließen

Sie haben bereits abgestimmt.

schließen

Download

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | NachGedacht | 13.09.2019 | 10:20 Uhr