Stand: 29.08.2019 18:46 Uhr

Kein drängendes Anliegen

von Alexander Solloch
Alexander Solloch mit seinen Gedanken zur vergangenen Woche.

"Kinderfreundlichkeit", das wäre ja auch mal ein beschwingt inspirierender Gedanke, und dabei noch einer mit einem Lächeln im Gesicht. Da es aber der Mensch im Allgemeinen vorzieht, stampfend auf seinem Recht zu beharren, statt freundlich zu lächeln, kann man mit so einem Wort natürlich nicht punkten. Man muss es anders sagen, irgendwie pointierter.

In der Landeshauptstadt Hannover, die gerade vorbildlich ihren Zweck erfüllt, sich zum Behufe der ordnungsgemäßen Durchführung einer Oberbürgermeisterwahl mit Plakaten vollkleistern zu lassen, wird es anders gesagt: "Hannover. Kindgerecht. Machen.", fordert (oder verspricht?) einer der Kandidaten. Kindgerecht, nicht schlecht, und dazwischen all diese kindgerechten Punkte, damit die Sätze nicht mehr so schrecklich lang sind. Es ist aber natürlich auch möglich, dass mit diesem Slogan gar nicht das Kind, dieses lustige rätselhafte Wesen, gemeint ist, sondern Hannovers bekanntester Hörgerätehersteller und Fußballfunktionär, und der braucht wirklich jeden Punkt.

Brauchen wir es böse, brutal und blutig?

Man kann ja nicht behaupten, Kinderfreundlichkeit sei der Menschheit ein übermäßig drängendes Anliegen. Wer seine Kinder insgesamt ganz nett findet und ihnen darum nicht das Allerschlechteste wünscht, wird eher davor zurückschrecken, Personen mit gestörtem Aggressionsabbauverhalten in Staatsämter und Parlamente zu wählen. Die Erwachsenen schrecken aber gar nicht davor zurück; sind denn ihre Kinder wirklich alle so unsympathisch? Oder zieht es den Menschen am Ende immer zum Bösen, Brutalen, Blutigen?

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Wer nämlich die Wahlaufrufe in der Innenstadt studiert, kommt zur Zeit nicht umhin, zwischen all den lieben Sonnyboys auch einem echt finsteren Kerl in die spiegelverglaste Sonnenbrille zu blicken. "Haben Sie diesen Mann gesehen?", fragt das gerade allgegenwärtige Plakat, das explizit nicht zum Wählen auffordert, aber immerhin zum Seriengucken - und darunter in blutroten Versalien: "23 MORDE". Na, da schlägt das Herz doch gleich achteinhalb Mal so schnell, perlt der Schweiß geschmeidig wie nie und stellt die Erregungszentrale im Hirn neues Personal ein: Hammer, was uns da wieder für ein geiles Serienformat angeboten wird!

Gier nach Blut und Leid und Tränen

Es mag allerdings wohl Wesen geben, die diese Verzauberung unserer Innenstädte irritiert, vielleicht gar ängstigt. Die meisten Kinder können ja nicht nur lesen; das schafft auch der eine oder andere Erwachsene. Kinder aber können zusätzlich noch fühlen. Sie halten sich mittlerweile die Hand vor die Augen, wenn sie durch die Stadt gehen.

"23 Morde" sind ja auch nur eine Chiffre. Alles ist da austauschbar: der Titel, die Darsteller, der Streamingdienst oder der Fernsehsender - nur die Geschichten sind immer dieselben. Geschichten, die von der Gier nach Blut und Leid und Tränen erzählen - auffallend oft übrigens Blut und Leid und Tränen entführter, gequälter, gemordeter Kinder, so recht dazu angetan, uns bestens und simpel zu unterhalten. Die Kriminalfälle, die tatsächlich unseren Alltag bestimmen, gelangen hingegen kaum zur Serienreife: wie Manager ihre Boni aushandeln, Banken ihre Kredite vergeben, Populisten ihre Trolle in den Kampf schicken um noch mehr Hass im Netz - wer wollte davon erzählen? Wer könnte sich eine Geschichte ausdenken, ohne gleich schon eine blutsprenkelnde Werbekampagne im Kopf zu haben? Und wer möchte sie hören, lesen, sehen?

Einmal über die Kreuzung und am Aegidientor gleich rechts runter, ach, da lächelt uns ja einer großformatig an. Auch er will Bürgermeister werden und versichert darum: "5 Kinder, 4 Enkel, 1 Plan."

Kinder sind vor Erwachsenen einfach nicht sicher.

Alexander Solloch © NDR Foto: Christian Spielmann

NachGedacht: Kein drängendes Anliegen

NDR Kultur - NachGedacht -

Wahl- und andere Werbeplakate bringen Alexander Solloch ins Grübeln. Was bedeutet eigentlich "kindgerecht"? Und wie blutig brauchen wir die Welt für ein zufriedenes Leben?

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | NachGedacht | 30.08.2019 | 10:20 Uhr