Stand: 21.03.2019 20:41 Uhr

Kein Gott und so viel Schalk

von Alexander Solloch
Alexander Solloch ist Literaturredakteur bei NDR Kultur.

Hat Sie diese Nachricht um Thomas Gottschalk auch so umgehauen? Sie verblüfft, geschüttelt und geplättet? Nicht? Sie sollte Sie doch aber schütteln und plätten, diese Nachricht: Thomas Gottschalk macht jetzt eine Büchersendung im Bayerischen Fernsehen. Na sowas! Darf so einer das denn?

Kolossal-ehrfürchtiges Aufhebens um das Buch

An jedem Ort, an dem Bücher leben - im Bett und in der Wanne, in der Straßenbahn vom Augustusplatz zum Messegelände und schließlich hier, in der großen Glashalle der Messe - kann man sich über diesen Kuriositäten-Popanz nur wundern: dass um das Buch immer noch so ein kolossal-ehrfürchtiges Aufhebens gemacht wird! Warum um Himmels willen soll Gottschalk denn keine Büchersendung machen? Ein Leser wird er ja doch wohl sein. Leser, wenn Sie verstehen, was ich meine, das sind diese sympathischen Wesen mit zwei Augen im Kopf und einer gewissermaßen fein geschnittenen Nase im Gesicht, diese dicken kraushaarigen fröhlichen verstimmten kahlköpfigen dünnen Geschöpfe, die Ihnen letztlich durchaus ähneln. Gottschalk erklärte diese Woche in seiner ersten Büchersendung entschuldigend, er wolle eine "Aussöhnung von Literatur und Unterhaltung" erwirken, aber diesen Streit hat es nie gegeben; es lässt sich doch ein Buch nicht in solche Kinkerlitzchen verstricken! Ein Buch fragt den Leser nicht nach dessen akademischer Legitimation. Besser noch: Es fragt den Leser nach gar nichts.

Du! Buch! Erette uns!

Aber was wollen sie alles in das "Kulturgut Buch" hineingeheimnissen! Sie legen es auf ein güldenes Tablett und lassen es von livrierten Dienern zur ehrfürchtigen Begutachtung in den großen Saal des Gewandhauses tragen: feierliche Eröffnung der Buchmesse. Da sprechen sie alle - Bürgermeister, Ministerpräsident, Kulturstaatsministerin - so gravitätisch von den "Stürmen einer politisch aufgeladenen Zeit" und weisen dramatisch aufs Buch: Du! Buch! Errette uns! Mache die Gewalttätigen friedlich, die Lügner ehrlich und die Ängstlichen verwegen! Mach!

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"Ich möchte lieber nicht..."

Aber das Buch wartet diese (hier sehr gerafft zusammengefasste) Auftragsvergabe gar nicht ab, um zu murmeln: "Ich möchte lieber nicht…" - ein Satz aus einem der hinreißenden Romane dieses Frühjahrs, "Fliegen" von Albrecht Selge: Ohne Ziel und unantastbar von der kurzsichtigen Wut der Leute verbringt eine ältere Frau ihren Lebensabend im Zug - und verweigert sich allen Angeboten, Zumutungen und Vorschlägen der Gesellschaft: "Ich möchte lieber nicht." Sie ist einfach nur da. Das Buch ist einfach nur da, ohne Zweck, ohne Sinn. Kein Heiligtum, keine Waffe. Es will nichts vom Menschen; doch es will ihm auch nicht zu Diensten sein. Was aber tut es dann?

Mit Trump im Urwald zerstritten

"Manchmal bringt die Literatur den Zauber in die Welt zurück", sagt der Schriftsteller Michael Köhlmeier, der jetzt hier auf der Messe mit seinem Kompagnon Raoul Schrott einen gewaltigen Roman vorstellt: "An den Mauern des Paradieses", eine kaum zu resümierende Geschichte von Macht und Gewalt, vom Menschen, der auf der Suche nach seinen göttlichen Ursprüngen feststellen muss: Ich bin allein, ganz ohne Gott. Mit viel Schalk erzählen Köhlmeier und Schrott die Geschichte um dieses Buch, dessen Urheberschaft sie Martin Schneitewind zuschreiben, einem verstorbenen Amtsleiter in der Straßburger Stadtverwaltung, der einst mit Donald Trump durch den Urwald streifte und sich dort mit ihm zerstritt.

Es ist aber letztlich ganz egal, wer dieses Buch geschrieben hat und warum. Es ist einfach da und geht nicht weg und begründet so mit dem Leser eine unverbrüchliche Ehe.

Alexander Solloch © NDR Foto: Christian Spielmann

Kein Gott und so viel Schalk

NDR Kultur - NachGedacht -

Alexander Solloch streift durch die Hallen der Leipziger Buchmesse und denkt über Bücher, das Leben im Allgemeinen und Thomas Gottschalk nach.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | NachGedacht | 22.03.2019 | 10:20 Uhr