Stand: 21.02.2019 15:52 Uhr

Junge Greise und ein greiser Junge

von Alexander Solloch
Alexander Solloch ist Literaturredakteur bei NDR Kultur.

Paul Ziemiak ist ein junger Mann. Man muss das mal kurz und sehr heftig betonen, weil es einem sonst keiner glaubt. Einschlägigen Quellen zufolge steht tatsächlich in seinem Personalausweis das Geburtsjahr 1985. Demnach ist Paul Ziemiak unabweisbar jung, so jung, dass man erschrickt darüber, wie alt man mit 33 schon sein kann.    

Früher war man "phantasielos", heute ist man "unideologisch"

Vor gut zwei Monaten hat er sein Amt als Vorsitzender der "Jungen Union" aufgegeben, um CDU-Generalsekretär werden zu können. Man hätte kurz meinen mögen, die neue Parteichefin habe ihn sich bestellt, um der Partei zu etwas jugendlichem Schwung zu verhelfen. Tatsächlich aber ist es seine Aufgabe, der verunsicherten Basis den Glauben an die ewigen Werte des Menschseins wiederzugeben: Karriere und Grenzen und Wachstum. Man nennt das dann konservativ. Wenn diese dreißigjährigen Berufssenioren irgendeine Hoffnung tragen, dann nur die aufs ewige Weiterso.

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Paul Ziemiak ist seit Dezember 2018 CDU-Generalsekretär.

Man ist ja so wahnsinnig erwachsen. Man ist ja so norbertröttgenhaft professionell. Man hat's ja geschafft, sich die Flausen der Jugend von den Kleidern zu wischen. Man zwitschert für ein Gran kostengünstiger Aufmerksamkeit Karl Lagerfeld, den das nicht sehr interessiert, ein schnelles "Ruhe in Frieden" zu. Ruft auf zum selbstbewussten Tragen der Nationalfarben. Trägt selbst immer brav weißes Hemd und dunkles Sakko. Arbeitet sich ab an einer 16-jährigen Aktivistin aus Schweden, die den deutschen "Kohlekompromiss" kritisiert - gibt's ja nicht! "Oh Mann", twittert Ziemiak: "Kein Wort von Arbeitsplätzen, Versorgungssicherheit, Bezahlbarkeit. Nur pure Ideologie. Arme Greta!" Ja, man ist top ausgebildet, beherrscht die richtigen Begriffe. Früher war man "phantasielos", wenn man sich nicht vorstellen mochte, dass der Mensch auch anders leben kann. Heute ist man eben "unideologisch". Damit macht man nichts verkehrt.

Generation Niemand

Paul Ziemiak ist privat bestimmt ein prima Typ mit zweifellos sehr interessanter Lebensgeschichte. Aber mit allem, was er (nicht) tut und (nicht) sagt, wird er zum Mittelpunkt des Bildes, das viele jungen Menschen gerade von sich zeichnen. Das eventuelle Vorhandensein eigener Gedanken, eigener Sorgen, eigener Ideen, eigener Nöte wird mit größtem Aufwand (und mokantem Blick auf die noch Jüngeren) unkenntlich gemacht. Dreißigjährige wissen: So kann es nicht weitergehen. Dreißigjährige sagen: Weiter so. Wer von ihnen hat vor zehn Jahren protestiert, als gierige Banken für "systemrelevant" erklärt wurden? Wer steht heute dagegen auf, dass betrügerische Autokonzerne als systemrelevant behandelt werden? Wer schlägt vielleicht einmal vor, einem insolventen Buchauslieferer Systemrelevanz zuzusprechen? Immerzu: niemand. Generation Niemand. Junge Greise.

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Wir Mittelalten, die wir selbst unsere Jugend allzu schnell und allzu unbedacht und allzu untätig haben davonziehen lassen, verlangen doch gar nicht viel. Wir hätten nur gern eine einigermaßen lichte Aussicht darauf, was und wer denn kommen könnte, wenn Merkel und Seehofer und Scholz und von der Leyen dereinst abtreten. Das wird ja nun hoffentlich nicht mehr so lange dauern. Und dann? Wer verbindet die Freude am eigenen Vorankommen mit einem gewissen Interesse am Gemeinwohl? Wer lässt sich nicht von (Kohle-)Kompromissen besänftigen, die ab 2038 ff. dann mal schön von der nächsten Generation umgesetzt werden können? Wer weiß denn mit Lust am Streit Worte und Ideen zum Tanzen zu bringen?

Ein 93-Jähriger kämpft für die Zukunft

In einem Altenstift in München lebt in seinem 94. Jahre ein zukunftsfroher Mann. Die "Süddeutsche Zeitung" berichtete neulich von ihm: von einem Parkinsonkranken, der Woche für Woche und unermüdlich Dutzende Briefe schreibt an Bürgermeister, Minister, Staatssekretäre, Abgeordnete, Briefe, in denen er mit Verve und Sachkunde für eine neue Bodenpolitik wirbt, die es darauf anlegt, den Menschen wieder bezahlbares Wohnen zu ermöglichen, sogar in Städten. Dieser Mann könnte sich ausruhen, aber er kämpft: Hans-Jochen Vogel, geboren 1926 in Göttingen, ein greiser Junge.

Alexander Solloch © NDR Foto: Christian Spielmann

Junge Greise und ein greiser Junge

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"Phantasielos" heißt jetzt "unideologisch": Alexander Solloch - seit kurzem selbst in einem Alter, in dem man endgültig nicht mehr als jung gelten kann - wundert sich über 30-jährige Berufssenioren.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | NachGedacht | 22.02.2019 | 10:20 Uhr