Stand: 23.08.2019 09:10 Uhr

Ist die SPD noch zu retten?

von Stephanie Pieper

Die politische Sommerpause, wenn es sie denn überhaupt gegeben hat, ist vorbei: Donald Trump möchte kurzerhand Grönland kaufen; in Italien herrscht - mal wieder - Regierungschaos; und der Brexit-Schlamassel ist - immer noch - nicht gelöst. Ach so, und die SPD sucht und sucht und sucht jemand Neues für die Parteispitze. Oder, besser: gleich zwei Neue. Darüber hat unsere Kolumnistin Stephanie Pieper nachgedacht.

Stephanie Pieper leitet bei NDR Kultur die Hauptredaktion "Kulturelles Wort" in Hannover.

Gretchen und Faust, Ernie und Bert, Harry und Sally, Romeo und Julia, Tarzan und Jane, Waldorf und Statler, Wallace und Gromit haben sich bislang - jedenfalls nach meiner Kenntnis - noch nicht für den SPD-Vorsitz beworben. Aber was nicht ist, kann ja noch werden. Auf ein Bewerberpaar mehr oder weniger kommt es jetzt auch wirklich nicht mehr an - und wer weiß, vielleicht hätte eines der genannten fiktionalen Paare sogar mehr Chancen als die real existierenden Bewerberinnen und Bewerber. Bei der letzten Zählung waren es sieben männlich-weibliche Duos und drei Einzelkandidaten, die die Partei künftig führen wollen. Mittelalter und Rentenalter, Nord und Süd, Ost und West, Pro und Contra große Koalition - alles vertreten. Wenig erste, viel zweite Reihe. Der SPD-Parteivorstand twitterte kürzlich selbstironisch (was bleibt ihm auch anderes übrig): "Noch jemand? Sonst würden wir kurz Mittagspause machen."

Blick in die Vergangenheit der SPD

Was war die SPD nicht für eine stolze Partei! 1886 als Allgemeiner Deutscher Arbeiterverein durch Ferdinand Lassalle in Leipzig gegründet. August Bebel, Wilhelm Liebknecht, Philipp Scheidemann, Friedrich Ebert, Otto Wels, Herbert Wehner, Willy Brandt, Helmut Schmidt: Das waren Männer, die die SPD geprägt und die all jene Arbeitnehmerrechte erkämpft haben, ohne die es die soziale Marktwirtschaft heute nicht gäbe. Nicht zu vergessen die vielen Frauen, die sich - von Marie Juchacz über Annemarie Renger bis, ja, Andrea Nahles - für diese traditionsreiche, meist progressive Partei engagiert haben. Die SPD hat politisch sehr viel für sehr viele Menschen erreicht, auch in den ungeliebten großen Koalitionen - nur schon lange nicht mehr Ruhm und Ehr.

Seitdem aber Oskar Lafontaine, der auf Dauer eben doch nicht einen Schritt hinter Gerhard Schröder gehen wollte, im Frühjahr 1999 die Brocken hinschmiss, hat die SPD 13 Parteivorsitzende verschlissen, rechnet man die kommissarisch amtierenden mit. Die Kurve der Wahlergebnisse zeigt seitdem fast beständig nach unten. Die sozialdemokratische Steigerung von Parteifeind lautet bekanntlich Parteifreund, und viele der Gescheiterten müssen konstatieren: Wer hat mich verraten? Sozialdemokraten! Ist der Niedergang der SPD noch aufzuhalten, ist ein Comeback dieser Partei beim Wahlvolk, abseits weniger verbliebener, auch nicht mehr so hoher Hochburgen, noch möglich? Die Zweifel daran werden, zumindest bei mir, immer größer, nicht nur beim Blick nach Brandenburg und Sachsen.

Anfang vom Ende der Volksparteien?

Weitere Informationen

NachGedacht

Unsere Kolumnisten lassen die Woche mit ihren Kulturthemen Revue passieren und erzählen, was sie aufgeregt hat. Persönlich, kritisch und gern auch mit ein wenig Bösartigkeit gespickt. mehr

Die CDU könnte frohlocken ob der anhaltenden Agonie ihres sozialdemokratischen Koalitionspartners und sich als einzig verbliebene Volkspartei anpreisen - wäre da nicht ihre "Ich-übe-noch"-Vorsitzende und Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Fettnapf-Karrenbauer. Womöglich beobachten wir gerade den Anfang vom Ende der Volksparteien auch in Deutschland. Womöglich vollzieht das hiesige Parteiensystem nur nach, was in anderen westeuropäischen Ländern längst passiert ist. Womöglich lösen sich nicht nur die sozialen Milieus auf, sondern auch die damit verbundenen "natürlichen" Parteipräferenzen. Wer nach Italien schaut, dem kann angst und bange werden. Ein deutscher Macron? Nirgends in Sicht. (Und jetzt kommen Sie mir bitte nicht mit dem Habeck.) In "Take back control"-Britannien hat der Brexit-Spaltpilz die beiden großen Parteien erfasst - einzig das Mehrheitswahlrecht bewahrt sie davor, bei den Wählerinnen und Wählern durchzufallen. Selbst die heile skandinavische Welt ist nicht mehr so heile wie früher. Von der Lage in den osteuropäischen Demokratien ganz zu schweigen. Suhle ich mich in der vermeintlich typisch deutschen Schwarzmalerei, oder skizziere ich hier nüchtern den Status Quo des Parteiengefüges? Wenn ich das nur wüsste.

Stephanie Pieper © NDR/ Foto: Christian Spielmann

NachGedacht: Ist die SPD noch zu retten?

NDR Kultur - NachGedacht -

Die politische Sommerpause, wenn es sie denn überhaupt gegeben hat, ist vorbei und die SPD sucht und sucht und sucht jemand Neues für die Parteispitze.

4,2 bei 5 Bewertungen

Mit von 5 Sternen

bewerten

Vielen Dank.

schließen

Sie haben bereits abgestimmt.

schließen

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | NachGedacht | 23.08.2019 | 10:20 Uhr