Stand: 13.02.2020 17:34 Uhr

Thüringen: In Erfurt erstarrt? In Erfurt erkühnt!

von Alexander Solloch

Die Folgen der Thüringer Ministerpräsidentenwahl haben auch diese Woche geprägt. Aber hätte nicht auch alles ganz anders kommen können? Eine Phantasie von Alexander Solloch.

Alexander Solloch ist Literaturredakteur bei NDR Kultur.

Klug zu sein dürfen wir versuchen, klug und gewitzt und unverzagt. Wollen wir das nicht mal anpacken? Als Thomas Kemmerich vor neun Tagen um die Mittagszeit erklärte, er nehme die Wahl an, war durchaus noch nicht alles vorbei. Zwischen diesem Augenblick und seiner Regierungserklärung lagen ungefähr neunzig Minuten. Neunzig Minuten, in denen Kemmerich sich etwas hätte überlegen können. Hätte er die Zeit genutzt, dann hätte die Kanzlerin nicht tags darauf den unverzeihlichen Satz gesagt, dieses Ergebnis müsse wieder "rückgängig" gemacht werden (mit der undo-Taste oder was immer ihr da vorschwebte).

Hätte Kemmerich die Zeit genutzt, niemand müsste sich jetzt sonderlich für Bodos I. Tränen über den ihm versagten Thron interessieren. Hätte er sie genutzt, könnten die Rechtsradikalen jetzt nicht Tag für Tag den Triumph genießen, auch die Bundespolitik nach Belieben aufzumischen. Nicht, dass Kemmerich sich von läppischen Trickbetrügern hat wählen lassen, führte unmittelbar zu seinem politischen Ende, sondern: wie er es getan hat. Mutlos und witzlos, in Erfurt erstarrt. Man konnte sich sein Auftreten im Landtag nicht anschauen, ohne zu erröten vor Scham über die schlappe Verkniffenheit, mit der sich die parlamentarische Demokratie in diesem Moment zeigte. Es wäre der Moment gewesen, sich zu erkühnen.

Kemmerich hätte in Thüringen unverzagt handeln können

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Kemmerich hätte, nachdem er den Händedruck des rechtsradikalen Fraktionschefs natürlich verweigert und den Blumenstrauß der linken Fraktionschefin aufgehoben und versöhnlich an ihm geschnuppert hätte, eine kluge, gewitzte, unverzagte Regierungserklärung formulieren können; ein paar wenige Sätze nur, beseelt von der Entschlossenheit, sich nicht auf den Arm nehmen zu lassen.

"Meine Damen und Herren", hätte Kemmerich sagen können, "es ist wahr, die Demokratie ist der einzige Raum, in dem gelacht wird. In einer Diktatur wird nicht gelacht. Demokratieverächter lachen nicht. Rechtsradikale lachen nicht, weil es nichts gibt, zu dem sie aus vollem Herzen 'ja' sagen können. Wir aber, meine Damen und Herren, lassen uns das Lachen nicht nehmen, das aus uns herausdrängt, wenn goldrot die Sonne über Erfurt aufgeht. Diese wunderschöne Stadt ist vor 75 Jahren nur durch unglaubliches Glück der Zerstörung entgangen, die Ihre politischen Ahnen, meine sehr wenigen Damen und vielen Herren zu meiner Rechten, die Ihre Ahnen ins Land geholt haben."

Man kann diese Welt nur mit einem Lächeln ansehen

"Wir lassen uns das Lachen nicht nehmen und lassen uns nicht verlachen", hätte Kemmerich dann gesagt, und weiter: "Darum wird meine Regierung die Zuschüsse für den Flüchtlingsrat Thüringen massiv erhöhen. Sie wird das 'Institut für Demokratie und Zivilgesellschaft' in Jena in seiner segensreichen Arbeit fördern und unterstützen, ebenso das 'Bündnis für Demokratie und Weltoffenheit' im Kloster Veßra. Ich habe das Gefühl, viele in Deutschland wissen gar nicht, wie offen die Herzen der Thüringer sind, die in Vereinen, in Bündnissen, in Instituten wie diesen mitmischen, Thüringer, die allen Menschen, woher sie auch kommen, ein Lächeln anbieten. Wir wollen viel mehr über sie sprechen und viel weniger über die anderen, denen ich nur eins noch zurufe: Es wird mir an jedem Tag meiner Amtszeit eine Freude sein, dass ich Sie mit Hilfe ihrer Stimmen bekämpfen darf, Ihren Hass, Ihre Verachtung, Ihre Bitternis."

"Zugleich aber", hätte Kemmerich geschlossen, "gilt das Grundgesetz des Menschseins: Jeder hat jeden Tag die Gelegenheit, sich zu verwandeln. Wischen wir uns also den Angstschweiß von unseren hohen Stirnen!"

Dann hätte er sich auf die Regierungsbank gesetzt und gelächelt, weil man diese Welt nur mit einem Lächeln ansehen kann.

 

Alexander Solloch © NDR Foto: Christian Spielmann

In Erfurt erstarrt? In Erfurt erkühnt!

NDR Kultur - NachGedacht -

Die Folgen der Thüringer Ministerpräsidentenwahl haben auch diese Woche geprägt. Aber hätte nicht auch alles ganz anders kommen können? Eine Fantasie von Alexander Solloch.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | NachGedacht | 14.02.2020 | 10:20 Uhr