Stand: 02.11.2020 14:13 Uhr

In Coronas Schattenwurf

von Ulrich Kühn

Noch ein paar Tage relativer Freiheit, die man behutsam nutzen wird – dann geht es in den "Lockdown"-November. Eine innere Achterbahn, auch für Nachdenker Ulrich Kühn.

Ulrich Kühn © NDR Foto: Christian Spielmann
Ulrich Kühn ist Leiter der Literaturredaktion bei NDR Kultur.

Wechselnde Aggregatzustände, Momente großer Klarheit, dann wieder Taumeln und Wankelmut. Empfindungen und Gedanken, die im Zickzack rasen, so innig ineinander verflochten, dass man nicht mehr weiß, ob man mit der Seele denkt oder mit dem Kopf empfindet.

Freischaffende Künstlerinnen und Künstler, am Rand der Existenznot schwankend, manche über den Rand getrieben: Das schreit so laut zum Himmel, man möchte heulen, denn nichts daran ist selbstverschuldet. Und wer da beiläufig höhnt: "Augen auf bei der Berufswahl", hat mein Verständnis nicht. Corona sorgt nicht für Gerechtigkeit bei der Lebensentscheidungs-Beurteilungsfindung.

Es fehlt an abstrakter Fantasie

Dann wieder grüblerische Momente. Corona, das ist nicht die Pest, aber eine ernste Sache; sie lässt uns keine andere Wahl, als die Verbreitung im Zaum zu halten. Es fehlt an abstrakter Fantasie (so sind wir halt konstruiert), sich das auszumalen: In wenigen Wochen könnte die Lage so bitter sein, dass wir, bevor es soweit kommt, lieber auf manches verzichten sollten. Dann wieder Befremden und Unverständnis angesichts des Mangels an Logik in so manchem Beschluss, der eilig gefasst worden ist. Gefühlsprotest aus vollem Herzen: Theater zu? Keine Konzerte? Muss das wirklich sein? Und Schleierfahndung wegen Corona? Ja, sind Polizeischleier virenfest? Was sagen die Parlamente?

Wirrnis wächst schneller als Erkenntnisse

Das ist ungeordnet notiert, ich will es dringend betonen. Eine derart verwirrende Zeit zeichnet sich offenbar dadurch aus, dass allseits exponentiell die Wirrnis wächst, leider schneller als die Erkenntnisse wachsen. Es passieren dann seltsame Dinge: Als ich bei Sonnenschein und spätoktobrig-feinem Wind die Füße durch rotgelbes Herbstlaub zog, klopfte plötzlich Rilke an. Ein berühmtes Gedicht, es formte sich merkwürdig in mir um und klang am Ende so:

"Herr: es ist Zeit. Der Sommer war nicht groß.
Wir geh’n im Schatten der Coronauhren,
und in den Seelen brechen Stürme los.

Befiehl den Menschen, sehr allein zu sein.
Gib ihnen recht viel grau-betrübte Tage,
dränge sie zur Verzweiflung hin und jage
vertane Hoffnung in ihr kaltes Sein.

Wer jetzt nicht Mut fasst, findet keinen mehr.
Wer jetzt zuhaus ist, wird es lange bleiben,
wird fernsehn. Netflix. Keine Briefe schreiben.
Es wird die leeren Straßen hin und her
Das Auge wandern. Sieh: Coronas Treiben!"

Wo bleibt das Positive?

Das strich mir durch den Sinn. Und dann fand ich es gleich wieder viel zu düster. Wo bleibt das Positive? Ja, weiß der Teufel, wo das bleibt. Aber wo das Komische steckt, das kann ich Ihnen sagen. Zum Beispiel der Kampf in der CDU: Ist es nicht irre, wie ein armes, kleines, unschuldiges Virus vom Establishment einer Volkspartei dazu benutzt wird, den armen, kleinen, unschuldigen Friedrich Merz vom Vorsitz fernzuhalten? Ja, ist Herr Merz etwa arm? Ist er nicht. Ist er klein? Äußerlich nicht. Ob er unschuldig ist, wer weiß, doch darum geht es nicht.

Eine Volkspartei kann kein Establishment haben, sie besteht aus purem Volk, das hat Herr Merz erkannt – exakt in dem Moment, in dem das Partei-Establishment nicht lieb und still zur Seite trat, um Friedrich den Großen nach vorn zu lassen. Man ist durch und durch Elite, will noch mehr Elite sein und findet Elite plötzlich doof, wenn man nicht Eliten-Elite sein darf? Putzig, oder?

Und dann die Fetisch-Party. Das haben Sie mitbekommen, nicht? In Berlin löste die Polizei wegen der Corona-Regeln eine Fetisch-Party auf. Und während wir in der Provinz - alles außer Berlin ist Provinz - mit roten Ohren den Brockhaus aus dem Eichenschrank zogen, um nachzugucken, was "Fetisch" bedeutet, hat die Berliner Polizei topmodern einen Tweet abgesetzt. Und zwar folgenden Wortlauts: "Für ca. 600 Gäste einer Fetisch-Party in #Mitte endete diese vermutlich unbefriedigend." Das ist Berliner Corona-Humor. Wo bleibt nochmal das Positive? Ja, weiß der Teufel, wo das bleibt.

Ulrich Kühn © NDR Foto: Christian Spielmann

AUDIO: In Coronas Schattenwurf (4 Min)

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