Stand: 04.07.2019 17:43 Uhr

Ihr Völker Europas! Folgt mir!

von Ulrich Kühn
Ulrich Kühn hat über die aktuellen Geschehnisse im Europäischen Parlament nachgedacht.

Das war jetzt nichts mit Europa, gell? All die Preisgesänge auf die vielen, die zur Wahl gegangen sind. All die Hymnen auf die demokratische Kultur. All das bescheidene Selbstlob, man habe die Wünsche der Menschen verstanden und handele danach.

Nach dem gigantischen Simsalabim, dem großen Europa-Zauber-Geklingel mit Spitzenkandidaten-Enthüllung und allem Pipapo, verschwanden die Regierungschefs hinter dem undurchsichtigen Tuch. Nach Wochen, um Jahre gealtert, erschienen sie vor dem Publikum, zeigten den schmutzigen Zylinder und zerrten ein Kaninchen raus, eher grau als weiß: Ursula von der Leyen. Unsere Verteidigungs-Uschi.

Ringen um Spitzenpositionen

Es geht hier nicht gegen Personen. Die künftige Kommissionspräsidentin, falls das Parlament sie wählt, hat gewiss viel zu bieten für das hohe Amt. Auch bin ich ziemlich skeptisch gegenüber der holden Naivität, die dem Glauben huldigt, mit etwas gutem Willen herrschte auf Gottes Erde eitel Harmonie, der Machtkampf um Posten und Einfluss sei nur ein archaischer Restbestand im Reifeprozess der menschlichen Spezies.

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Das Ringen um Spitzenpositionen gehört zum politischen Spiel und allemal zur Demokratie. Wer halbwegs ehrlich mit sich ist, wird sich sogar an Momente erinnern, in denen er selbst gewetteifert hat, um etwas zu erreichen - zum Beispiel einen Job. Aber so wie jetzt in Europa kann man es halt nicht machen. Nicht, wenn man im Ernst erwartet, Applaus von den Rängen zu bekommen.

Gerupft und gefleddert

Die Machiavellisten im Publikum raunen. Bestaunen, wie schlau Monsieur Macron, vielleicht auch Madame Merkel (die Meinungen gehen da auseinander) und womöglich, man denke nur, mancher Populisten-Premier Spielzug um Spielzug machten mit dem famosen Ergebnis, Vorteile für sich herauszuschlagen. Für das je eigene Land, für den je eigenen Nutzen im ewigen Macht-Tête-à-Tête mit den lieben Wählern.

Aber nicht alle Realisten sind auch Machiavellisten. Man mag mit der Zunge schnalzend genießen, was in Brüssel passiert ist. Man mag immerhin sagen: Es war unschön, aber normal. Man mag aber auch den Eindruck haben, unser liebes Europa sei gerupft und gefleddert worden, um, mit unappetitlichem Klebstoff fadenscheinig verleimt, als klapprige Attrappe zurück ins Licht geschubst zu werden: Europa! So schaust du aus.

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Erste NachDenker-Partei Deutschland

Ich würde so weit nicht gehen. Aber ernüchternd war es doch. Deshalb will ich daran erinnern, dass ich einst an dieser Stelle, leider fast unbemerkt von der Öffentlichkeit, eine Partei gegründet habe, die ENDPD, Erste NachDenker-Partei Deutschlands. Schwestern und Brüder im Geiste Europas! Lasst nicht alle Hoffnungen fahren, setzt Eure Hoffnung in mich!

Ich kann Euch nicht enttäuschen: Weil meiner höchst vitalen Partei - es gibt sie erst wenige Jahre - kaum jemand beigetreten ist, sind Machtkämpfe nicht zu befürchten. Wenn ich mit mir darum ringe, wer als Kandidat für meine Partei ins Rennen geht, muss ich keine Sekunde lang feilschen. Eine fantastische Nachricht! Es geht ja nicht um Personen, es geht ums große Ganze. Es geht um Europa, und es geht um den ganzen Planeten. Es geht um unsere Zukunft. Es geht nicht um mich - es geht um alle!

Drum sehet die Zauberei: Ich steige aus dem Zylinder, ohne dass jemand an mir zieht - ein blütenweißes Kaninchen mit der Mission, die Menschheit zu retten. Es wäre kriminell, diese Chance nicht zu ergreifen. Sie sind doch nicht kriminell, liebe Schwestern und Brüder? Wählen Sie die Konkurrenz, werde ich allerdings kämpfen, mit Härte. Um Posten. Um Einfluss. Das ist Politik! Sie müssen sich entscheiden. Das Schicksal dieser Welt - es liegt in Ihrer Hand. Und, in aller Bescheidenheit, demzufolge in meiner.

Ulrich Kühn © NDR Foto: Christian Spielmann

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Die hohe Politik hat uns in Sachen Europa zuletzt nicht so viel Freude gemacht. Das findet auch unser Kolumnist Ulrich Kühn - der aber einen Ausweg kennt.

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Dieses Thema im Programm:

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