Stand: 11.01.2019 08:06 Uhr

Ey, Alter

von Natascha Freundel

 

Natascha Freundel © NDR Foto: Christian Spielmann

"Ey. Alter!"

NDR Kultur - NachGedacht -

Der Jahresanfang ist eine gute Zeit, um über die Zeit nachzudenken, findet Natascha Freundel. Genauer gesagt: über den Ablauf der Zeit, dem niemand entkommt. Kurz: über das Altern.

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Wenn einer 46 ist, darf man ihn offenbar alt nennen. Jedenfalls haben das viele Rezensentinnen und Rezensenten getan, die den neuen Houellebecq in den Händen hatten, diesen - wie es schon wieder hieß - "mit Spannung" erwarteten neuen Roman des kauzigen Kenners verschiedener Alterungsprozesse weißer westeuropäischer Männer. Houellebecq selber soll 62 sein und zelebriert den eigenen Verfall so hingebungsvoll, dass man ihn sicher alt nennen kann, auch wenn er kürzlich zum dritten Mal geheiratet hat. 46 Jahre ist der traurige Held seines neuen Buchs und, wie gesagt, die schnellen ersten Leser und Leserinnen fanden es anscheinend folgerichtig, dass er unter diesem Alter leidet. Finden Sie das auch?

Zukunft wird nicht auf Twitter und Facebook entschieden

"Wenn einer in sein dreißigstes Jahr geht", hat Ingeborg Bachmann einmal geschrieben, "wird man nicht aufhören, ihn jung zu nennen." Mitten im Jungsein ist somit dieser zwanzigjährige Hacker, der nichts Besseres mit seiner freien Zeit anzufangen wusste, als in seinem Kinderzimmer zu hocken und persönliche Daten ihm persönlich fremder, aber irgendwie verhasster Leute aus dem Internet zu klauen. Sieht nun der Grünen-Vorsitzende Robert Habeck alt aus, weil er auf die virale Welt von Twitter und Facebook verzichtet? Habeck ist übrigens 49, Houellebecq könnte Romane über ihn schreiben, würde Habeck nicht so selbstbewusst die eigenen Fehler kritisieren und konsequent reagieren. Die Zukunft wird bestimmt nicht auf Twitter und Facebook entschieden, da kann "Real Donald Trump" sich die Finger taub tippen. 

Wann beginnt das Gefühl alt zu sein?

Wann fangen wir an, jemanden alt zu nennen? Wann haben Sie sich das erste Mal alt gefühlt? Als im Spiegel das erste graue Haar aufblitzte oder als laute Musik nicht mehr lustig, sondern nur noch laut war? Als im Drogeriemarkt die Abteilung für Hausschuhe und Nierenwärmer interessant wurde? Als sie im Bus unmerklich den Kopf über Kinder schüttelten, die kichernd kreischten: "Ey Alter, ist das geil!"

Dass man älter geworden ist, konnte man diese Woche auch an der zauberhaften Meryl Streep in der Fernsehserie "Holocaust" sehen. Wie sagenhaft jung und schön sie vor 40 Jahren war, als der Film zum ersten Mal im westdeutschen Fernsehen gezeigt wurde! Wie langsam die Zeit zugleich vergeht, wird deutlich, wenn man bedenkt, wie gern viele Deutsche auch heute abfällige Urteile über Juden, Muslime oder andere in ihren Augen Nicht- oder nicht-ganz-Deutsche parat halten.

Man selbst bleibt in der Zeit

Vielleicht heißt alt werden, seine Toten zu zählen. In einer Welt übrig zu bleiben, in der Menschen plötzlich nicht mehr da sind, deren Augen gestern noch so wach waren, deren Stimme noch so lebendig im Ohr ist. Singend, träumerisch sprach Aharon Appelfeld, mit dessen Tod das Jahr 2018 begann, felsenfest, fast grollend sprach Amos Oz, mit dessen Tod es endete. Heiner Müller, der diese Woche 90 geworden wäre, fehlt schon seit 23 Jahren. Und man selbst bleibt in der Zeit mit denselben und noch mehr Problemen, denen schon diese Stimmen so viele Wörter widmeten.

Satz der Woche

Nein, ich lass mich auf kein Alter festlegen, sagen manche Glückskinder. Was ist ein Geburtsjahr, ein graues Haar, eine Falte überm Lid oder sonst wo! Es hat etwas Verlockendes, dem Zeitregiment einen Vogel zu zeigen: Macht euch doch irre mit eurem Vitalitätswahn, eurem schlaflosen Gezwitscher auf allen Kanälen, euren Bewegungsmeldern am Handgelenk; ich mach, was ich will. Doch die hohe Kunst ist es wohl, die Zeit in der Zeit zu relativieren. Wie Jürgen Holtz, der 86-jährige Schauspieler, der gerade mit Frank Castorf Brechts "Galilei" am Berliner Ensemble probt und in einem Interview sagte, Schauspiel habe mit kindlichem Spiel zu tun, mit Freiheit und Weltvergessenheit: "Man stellt sich auf die Bühne und ist nackt, egal ob man was anhat oder nicht." Dem alten Holtz ist das Houellebecq’sche Leiden am Alter völlig fremd. "Meine Nationalität ist Zirkus", sagte der Schauspieler. Das ist mein Satz der Woche.

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Unsere Kolumnisten lassen die Woche mit ihren Kulturthemen Revue passieren und erzählen, was sie aufgeregt hat. Persönlich, kritisch und gern auch mit ein wenig Bösartigkeit gespickt. mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | NachGedacht | 11.01.2019 | 10:20 Uhr

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