Stand: 20.05.2020 16:00 Uhr

Die richtigen Gründe

von Alexander Solloch
Alexander Solloch ist Literaturredakteur bei NDR Kultur.

In den wenigen Wochen - waren es nicht bloß Tage? -, in denen unsere Städte nahezu ganz schön waren, weil die meisten Menschen zu Hause blieben und erkannten, dass ihr Körper gewissermaßen auch unabhängig von ihrem Auto interessante Funktionen aufweist, haben die Manager der Mobilität gewiss schwere Momente verlebt: Wann, fragten sie sich, kämen die goldenen Stunden der Menschheit wieder, in denen drei Meter breite Straßenpanzer gebaut und verkauft werden könnten, damit die Jagd auf Fußgänger, Radfahrer und sonstiges störende Gekreuch endlich weiterginge? Wann, bitte, wann? Die Marter muss heftig gewesen sein, gelindert wurde sie aber doch immerhin durch die verlässliche Arbeit der Interessenvertretung der Autoindustrie, umgangssprachlich "Bundesregierung" genannt.

Mit 70 km/h durchs Wohngebiet

Noch zerrütteter und zerfledderter mögen diejenigen aus diesen Wochen hervorgegangen sein, die das demgegenüber total Abstruse versucht haben: einen "nützlichen" Beruf auszuüben (Kolumnenkomposition und ähnliches) und nebenher noch ihre Kinder zu unterrichten. Kinder sind diese kleinen niedlichen Wesen, die ja auch noch da sind.

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Keinesfalls sind sie natürlich so wichtig wie Autos, was sich schon daran zeigt, dass sie eben auch überhaupt nicht so viel können. Dein liebes SUV kann Dir millisekundenschnell ausrechnen, dass Du gerade mit 70 km/h durchs Wohngebiet bretterst, und wenn ihm der richtige Sprachcomputer eingepflanzt ist, kann es Dir sogar im Duktus von Andreas Scheuer zurufen: "Äh, zügig, schneller - ich freu mich drüber", während Dein Kind, sofern ihm Bill Gates noch keinen Chip eingepflanzt hat, aus Protest gegen diesen ganzen Mist erst einmal gar nichts rechnet, schon gar nicht 57 minus 19, und wenn es das doch einmal in einem kostbaren Augenblick tut, ächzt Du am Ende dieses Vorgangs ganz unabhängig vom Ergebnis vollkommen ermattet: "Richtig, ja richtig, richtig, richtig, richtig, jetzt darfste dich ausruhen…"

Richtig und falsch und wer darüber Bescheid weiß

Es ist natürlich erstrebenswert, das Richtige zu tun. Aber das Richtige ist und bleibt verborgen unter einer tiefen Schicht von Zweifeln, Zweitmeinungen und zerebralen Zuckungen. Der "Spiegel" gestand neulich den Deutschen huldvoll zu, sie dürften ja mit der Arbeit der Bundesregierung in der Coronakrise unzufrieden sein und deswegen auf die Straße gehen - aber bitte "aus den richtigen Gründen". "Richtig" ist ein Grund demnach, wenn man nachweisen kann, dass einen die Beschränkungen der letzten Monate wirtschaftlich und sozial gebeutelt haben. "Falsch" sind alle anderen Gründe, ganz besonders falsch natürlich die Hinwendung zu Verschwörungsknallköpfen, denen der "Spiegel" in seiner jüngsten Ausgabe trotzdem drei teure Druckseiten mit hübschen Poträtfotos schenkt, um sicher zu gehen, dass sie einem noch eine Weile als Protagonisten gut verkäuflicher Knallkopfberichterstattung erhalten bleiben.

Wer immer Bescheid weiß über richtig oder falsch, muss sich natürlich nicht mit sich selbst verkrachen. Der kann huldvoll Demonstrationsrechte verteilen. Die Verbliebenen aber haben ja gar keine andere Wahl, als aus richtigen oder falschen oder gar keinen Gründen dafür auf die Straße zu gehen, dass 57 minus 19 ungefähr 42 ist, die Antwort auf alle Fragen.

Alexander Solloch © NDR Foto: Christian Spielmann

Die richtigen Gründe

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Wem wird die seit hundert Jahren erste NachGedacht-Kolumne ohne Corona-Bezug gelingen? Alexander Solloch jedenfalls nicht. Das Scheitern ist eben ständiger Begleiter.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | NachGedacht | 22.05.2020 | 19:00 Uhr