Stand: 15.05.2020 10:45 Uhr

Die formidable Florence und ihre Erben

von Stephanie Pieper

Während die einen in der Corona-Krise krude Verschwörungstheorien verbreiten, leisten die anderen weiter unverdrossen ihre unverzichtbare Arbeit: Menschen in Krankenhäusern, Mitarbeiter von Supermärkten, Reinigungskräfte. Über genau diese oft unsichtbaren Berufsgruppen denkt unsere Kolumnistin Stephanie Pieper in dieser Woche nach - auch wegen eines runden Geburtstages.

Stephanie Pieper leitet bei NDR Kultur die Hauptredaktion "Kulturelles Wort" in Hannover.

Vor 200 Jahren wurde Florence Nightingale geboren, und ihren ungewöhnlichen Vornamen verdankt die Britin wohl ihrem Geburtsort: Florenz. Als Jugendliche erlebt sie in England eine schwere Grippe-Epidemie. Sie selbst bleibt jedoch gesund und versorgt die Kranken. Damals findet Nightingale ihre Berufung: Sie engagiert sich sozial, interessiert sich aber auch für Mathematik und Statistik und widmet sich schließlich ganz der Krankenpflege - erst sie begründet diese als Profession, wie wir sie heute kennen. Florence Nightingale ist die Namensgeberin für viele Krankenhäuser in ihrem Heimatland - auch für das riesige Not-Hospital, das der staatliche Gesundheitsdienst in der Corona-Krise in einem Londoner Kongresszentrum errichtet hat.

Stephanie Pieper © NDR/ Foto: Christian Spielmann

Die formidable Florence und ihre Erben

NDR Kultur - NachGedacht -

Viele Menschen leisten derzeit unverzichtbare Arbeit. Über genau diese oft unsichtbaren Berufsgruppen denkt unsere Kolumnistin Stephanie Pieper in dieser Woche nach.

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Arbeit wirkt selbstverständlich

Den Namen Nightingale kennen wir bis heute - aber all diejenigen, die sich in Arztpraxen und Krankenhäusern und Pflegeheimen um die Kranken und die Alten und die Menschen mit Behinderung kümmern, ohne die unser Gesundheitssystem aufgeschmissen wäre, sind oft namenlos. Das gilt insbesondere für Krankenschwestern und Krankenpfleger. Aber auch viele andere Berufstätige, die gerade jetzt essenziell sind für unsere Daseinsvorsorge, nehmen wir sonst oft kaum wahr: Lager-Arbeiter und Supermarkt-Kassiererinnen, Paketboten und Putzfrauen, Getränke-Lieferanten und Bäckerinnen. Ihre Arbeit wirkt selbstverständlich. Nicht weiter beachtenswert.

Respekt und Wertschätzung

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Dabei leisten sie Frühschichten und Spätschichten, Nachtschichten und Wochenendschichten, Feiertagsschichten und nun auch noch Sonderschichten. Sie gehen allein durch ihren Job ein hohes Risiko ein, sich selbst mit dem Corona-Virus anzustecken. Sie verdienen unseren Respekt und unsere Wertschätzung. Nicht nur in Corona-Zeiten. All diese Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer können auch nicht einfach ins Homeoffice wechseln, um sich vor einer Infektion zu schützen - das ist denjenigen mit Bürojobs vorbehalten, denjenigen mit formal höherer Bildung, denjenigen, die tendenziell etwas besser verdienen.

Das hat just diese Woche das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung konstatiert und ebenso, dass gerade die Beschäftigten in den plötzlich als systemrelevant wahrgenommenen Berufen eher schlecht verdienen. Keine wirklich überraschende Erkenntnis, aber eine, die uns nachdenklich machen sollte. Und wahr bleibt auch, woran das DIW erinnert: Je mehr Frauen in einem Berufsfeld tätig sind, desto schlechter ist die Bezahlung dort und desto geringer die gesellschaftliche Anerkennung.

Werden die Helden des Alltags vergessen?

Wird es also nach der Corona-Pandemie höhere Löhne und Gehälter geben für all jene, für deren Arbeit wir momentan so dankbar sind? Zweifel sind angebracht. Diejenigen, die derzeit zu Recht als Heldinnen und Helden des Alltags gefeiert werden, drohen schnell wieder in Vergessenheit zu geraten. Corona werde unsere Gesellschaft und unser Wirtschaftsmodell nachhaltig verändern, heißt es jetzt zwar oft. Aber stimmt das wirklich? Wer weiß das heute schon.

Allein in Großbritannien, der Heimat von Florence Nightingale, sind mehr als 100 Beschäftigte des National Health Service an den Folgen einer Covid-19-Erkrankung gestorben. Das ist ein Skandal. Und jedes einzelne Schicksal ist erschütternd wie der Tod einer hochschwangeren Krankenschwester: Ihre Tochter, die im Mutterleib überlebt hat, die auf die Welt kommen konnte, bekam sie nie zu Gesicht.

 

 

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | NachGedacht | 15.05.2020 | 10:20 Uhr