Stand: 02.10.2019 17:26 Uhr

Die Sucht nach Größe

von Ulrich Kühn

Think big! Immer im eigenen Saft schmoren und sich bescheiden anstellen? Nicht doch! Lieber groß denken! Manchmal aber, meint Ulrich Kühn, ist der Größenwunsch fatal:

Manchmal, meint Ulrich Kühn, ist der Größenwunsch fatal.

Herrgott nochmal, ich hab’s begriffen, ich werde nicht mehr Papst! Was auch immer sich meine Eltern dabei gedacht haben und ihre Eltern und deren Eltern: Ich bin evangelisch getauft und dadurch diskriminiert. Die schönste Karriereoption ist mir verhagelt und vernagelt. Papst, das hätte ich werden wollen! Das oder der. Jedenfalls Papst. Aber es ist unmöglich. Ich werde so groß nie sein. Und wissen Sie was? Es macht mir nichts aus.

Ist Ihnen das aufgefallen? Manche, die gewiss davon träumten, später mal Papst zu werden - oder Cäsar oder Queen oder wenigstens Cicero -, sind durch die Einsicht, dass daraus nichts wurde, lebenslang gekränkt. Zwecks Kompensation greifen sie nach geringfügig kleineren Ämtern und werden zum Beispiel US-Präsident oder britischer Premier und tun so, als ob sie unfehlbar wären. Klar, sie könnten doch Papst sein. Also, potenzialbezüglich.

"Great again" - erfunden hat's eine Frau

Tja, so sind Männer, gell? Wollen die Größten sein und sind nicht einmal originell. Hat etwa Donald Trump die Sehnsucht nach "great again" erfunden? Es war Margaret Thatcher, die, noch als Margaret H. Roberts, im Jahre 1950 den "ernsten Wunsch" formulierte, "to make Great Britain great again". Halleluja! Empire, Kolonien, will wiederhaben, great!

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Nein, die Sucht nach Größe ist nicht geschlechtstypisch exklusiv. Das zu behaupten oder zu glauben wäre ja wirklich Diskriminierung. Wir Menschlein dürfen uns insgesamt fragen, warum wir "groß" sein wollen oder Teil von etwas Großem, zum Beispiel einer "großen Nation". Es hat zwar Zeiten gegeben, in denen das Schwatzen von "Größe" verpönt war: Geschichte wird nicht von Helden gemacht, hieß es.

Selbst Unterschiede des Talents sollten am besten nicht existieren; und wo sie sich doch nicht ganz leugnen ließen, waren sie schnell identifiziert als Teil eines falschen Gesellschaftssystems, das, wenn erst korrigiert, aus nur noch gleich Großen bestehen würde. Das war manchmal recht widersprüchlich, der Sozialismus zum Beispiel hat seine "Helden" auf Knien geehrt. Aber, und das war wirklich groß, es gab tatsächlich Vernunft-Anfalls-Phasen, in denen die Menschen einer Nation, wie immer ein solches Gebilde entsteht, ihren Lebenssinn nicht daran knüpften, Teil einer "großen" Nation zu sein. Macht "Großdeutschland" wieder groß? Um Himmels willen, nein! Als die Deutsche Einheit sich abzuzeichnen begann, fürchteten Great-Macher wie Mrs. Thatcher ein dumpf-neugroßes Dunkeldeutschland, das sich dem alten Wahn hingäbe. Sie wurden widerlegt. Bis auf Weiteres.

Man muss nicht ganz auf "Größe" verzichten

Zuletzt fällt allerdings auf, dass wieder viel mit "Größe" hantiert wird. Ich fasse mir gleich an die eigene Nase (die auch nicht die allerkleinste ist): Als in dieser Woche Jessye Norman gestorben war, war das Adjektiv "groß" wie von selbst zur Hand. Ich drehte es misstrauisch hin und her: Will ich es benutzen? Ich fand: Für diese Sängerin passt's. Man muss nicht ganz auf Größe verzichten. Man sollte nur immer wissen: Mit der "Größe" wird viel Schindluder getrieben.

Herr Strache von der FPÖ wäre so gerne groß gewesen und hat sich so mickrig kleingestrampelt. Und Nationen, die "great again" sein wollen, wünscht sich doch kein vernünftiger Mensch. Deutschland zum Beispiel wird besser bedient sein, wenn es mal seinen Ost-West-Krampf entspannt hat. Großes kommt dann von allein, denn das wahrhaft Große im Leben wird nie der eigene Nabel sein. Von Größe kann es zeugen, bescheiden zu bleiben. Groß kann es sein, ein Schicksal zu tragen, vielleicht mit Heiterkeit. Größe kann meinen, ein Buch zu schreiben, ohne Hoffnung auf Erfolg, nur, weil man will oder muss. Größe kann sein, seine Kinder zu lieben, wenn sie auf Abstand gehen. Größe ist schon in Ordnung - wenn sie sich nicht in der Sucht erschöpft, andere klein zu machen. Mister Johnson, Sie wären gern Cäsar? Ja, Verzeihung, ist hier ein Psychiater an Bord?

Ulrich Kühn © NDR Foto: Christian Spielmann

Die Sucht nach Größe

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Think big! Immer im eigenen Saft schmoren und sich bescheiden anstellen? Nicht doch! Lieber groß denken! Manchmal aber, meint Ulrich Kühn, ist der Größenwunsch fatal.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | NachGedacht | 04.10.2019 | 10:20 Uhr