Eine Frau hält eine Spritze vor die Augen und sieht auf den Tropfen, der sich aus der Nadel drückt. © imago images / ITAR-TASS Foto: ITAR-TASS

Die Nervosität steigt: Corona Politik - vor Weihnachten

Stand: 10.12.2020 18:06 Uhr

Das Virus macht uns wild, erst recht vor Weihnachten. Wäre es nicht vernünftig, mal darauf zu hören, was uns der gesunde Menschenverstand zu sagen hat? Fragt unsere Kolumnistin Claudia Christophersen.

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von Claudia Christophersen

Die Nerven liegen blank - nicht ungewöhnlich vor Weihnachten. Wünsche, Hoffnungen, Sehnsüchte wachsen ins Unermessliche und werden dann am 24. Dezember voll und ganz eingefordert. Die Anzeige auf dem Erwartungsbarometer ist hoch, der Absturz womöglich entsprechend tief. Seelen sind gehetzt, gestresst, zusammengerissen in allen Lebenslagen, da werden Ruhe und Gelassenheit zum Auslaufmodell. Das Nervenkostüm ist dünn - in dieser Zeit.

Schon eine falsch intonierte Silbe kann das emotionale Gefüge zum Einsturz bringen. Und im Corona-Jahr 2020 wird der ganz normale Weihnachtswahnsinn sowieso noch getoppt und ins Unermessliche potenziert: Kultur zu. Konsum auf. Konzertsäle, Museen, Theater: Aufladestationen für Geist, Herz und Seele - geschlossen. In vielen Kaufhäusern, Elektromärkten, Fußgängerzonen hingegen steppt der Bär, als wäre Covid-19 nur eine lästige Fantasie.

Zahlen sprechen eine andere und deutliche Sprache

Virologen, Mediziner, Physiker - Forscher und Forscherinnen haben das Stoppschild gehoben und dringen auf konsequentere Beschränkungen. Schluss mit dem waghalsigen Tanz auf dem Vulkan, empfiehlt die Leopoldina. Schluss mit dem "ein bisschen Advents-Kaffeekränzchen geht doch" oder "ein bisschen Feiern mit Freunden macht doch nichts". Manchmal scheint die Gefahr doch ach so weit entfernt und der Verstand irgendwo, nur nicht im Hier und Jetzt. Dabei sprechen die weiterhin hohen Zahlen der Neuinfektionen und Todesfälle eine andere und deutliche Sprache.

Die Politik, die Bundesländer reagieren darauf. Angela Merkel wurde richtiggehend emotional in der Generaldebatte am Mittwoch zu Corona, ringt, wirbt um Zustimmung für schärfere Maßnahmen. "Die Zahl der Kontakte ist zu hoch. Die Reduktion der Kontakte ist nicht ausreichend." Einfache Worte, klare Fakten, Appell an die Vernunft.

Gute Aussichten, auch zur Advents- und Weihnachtszeit

Ministerpräsident für Ministerpräsidentin zieht nach, wird vernünftig und schränkt die Lockerungen weiter ein. Am Sonnabend kann man sich auch ausmalen, wie Starrsinn und Sturheit auf die Straße gehen, querdenken, ohne Maske, ohne Rücksicht.

Lasst das Meckern, das Misstrauen, lasst das Polarisieren - möchte man denen entgegenrufen. Denn, ein Ende ist ja womöglich in greifbarer Nähe. Der Piks, der alles wieder ins Lot bringen könnte, wurde schon gestochen. Margaret Keenan, hochbetagt, über 90, erhielt in Coventry, im Vereinigten Königreich, die erste Impfdosis gegen das Coronavirus. Mutig, weil es dort die erste Impfung außerhalb klinischer Studien war. In drei Wochen folgt die zweite Dosis. Dann noch ein paar Tage und sie sollte gegen das Virus immun sein. "Wenn ich das kann, dann könnt Ihr alle das auch", so Keenan.

Das klingt nach Zuversicht, nach Ruhe-Behalten und gesundem Menschenverstand. Großbritannien könnte sich, wenn alles gut geht, auf einen unbeschwerteren Sommer freuen. Also: Aufatmen im Brexit-Land. Und dann, in hoffentlich nicht allzu ferner Zukunft auch hierzulande. Ich finde, das sind gute Aussichten, auch zur Advents- und Weihnachtszeit.

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Stephanie Pieper, Ulrich Kühn, Claudia Christophersen und Alexander Solloch. © NDR Foto: Christian Spielmann

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