Stand: 14.12.2017 18:39 Uhr

Der Ja-Rückblick

von Alexander Solloch
Alexander Solloch ist Literaturredakteur bei NDR Kultur.

Wir sind spät dran und haben nicht mehr viel Zeit… das muss man sich ja sowieso mal vorstellen, ein Jahresrückblick erst Mitte Dezember, diese Kulturheinis werden die Sache mit der Aktualität auch nie kapieren. Bringen wir’s also wenigstens jetzt schnell und würdevoll hinter uns. Ein Jahr verlangt, noch einmal beschaut zu werden, da sollten wir uns nicht verweigern, zumal wir uns, wenn wir wollen, mit einer überraschenden Erkenntnis belohnen können: 2017 war ein gutes Jahr.

2017 konnte nur besser werden

Abgesehen von allem individuellen Unglück - von dem man natürlich nicht absehen kann, aber leider absehen muss, sobald man sich die wahnwitzige Aufgabe vorsetzt, vom Rande des eigenen Ich auf die Welt zu schauen -, abgesehen also davon war das ein gutes Jahr. Das musste es schon deshalb sein, weil 2016 so schlecht war. Wir erinnern uns, selten war ein Jahr so vehement und lagerübergreifend beschimpft worden wie das vergangene. Sogar an dieser Stelle, nun wahrlich kein Ort überbordender Polemik, war es als "vermaledeit" herabgesetzt worden. 2017 konnte also nur besser werden, und das wurde es dann ja auch.

2017 war das Jahr, in dem die USA als Weltmacht abtraten. Die Gründe - Faulheit, Sattheit und eine gewisse Neigung zur menschlichen Idiotie - tun nicht viel zur Sache. Auf den Weg kommt es an: Dass Weltmächte irgendwann zerbröseln, ist klar. Leider tun sie das meist sehr kriegerisch, sehr blutig. Dann sind Tausende Menschen gestorben, und wofür? Für einen Dreck. Der selbstgewählte Abtritt der Vereinigten Staaten gleicht hingegen (einstweilen jedenfalls) einer harmlosen Verpuffung. Die Welt hustet dreimal, und weiter geht's. Dann eben ohne Amerika, so what?

Alexander Solloch © NDR Fotograf: Christian Spielmann

Der Ja-Rückblick

NDR Kultur -

Ein Jahr verlange, noch einmal beschaut zu werden, meint NachDenker Alexander Solloch. Und genau das macht er auch, sogar mit der Erkenntnis: 2017 war ein gutes Jahr.

0 bei 0 Bewertungen

Mit von 5 Sternen

bewerten

Vielen Dank.

schließen

Sie haben bereits abgestimmt.

schließen

2017 war das Jahr, in dem die Terroristen weiter weltweit mordeten, aber keiner mehr Angst zeigte vor ihnen. Man erschrickt vielleicht zunächst über den Gedanken, dass wir mittlerweile jedem Anschlag mit einem gut geölten Ablauf aus routinierter Betroffenheit und baldigem Weitermachen begegnen. Aber die Botschaft, die darin liegt, ist die stärkste Waffe der Friedfertigen: Die Bombenleger und Schießgewehrbenutzer und Menschentotfahrer beeindrucken niemanden - und gehen als lächerliche Wichte ins Nichts.

Ein Loblied auf die Beamten

2017 war das Jahr, das uns in seiner Spätphase bewies: Deutschland kommt auch mal ganz gut ohne tatsächliche Regierung aus. Wohl wahr, Demokratietheoretiker (und auch -praktiker) legen nun gerade keine Freudentänze aufs Parkett, aber alles in allem wird den Menschen das Leben doch gegenwärtig nicht schwerer gemacht als sonst auch, man fühlt sich fast dazu verleitet, in dieser sonderbaren Übergangszeit ein Loblied auf die Beamten zu singen:

Als das Schiff der Unregier-
Barkeit den deutschen Eisberg rammte,
Merkten unregierbar wir:
Gottlob gibt's noch Beamte!

2017 war, wie man sieht, das Jahr, in dem die deutsche Sprache wacker allen Angriffen trotzte, und an Angriffen hat es nicht gefehlt. Bei diesem hier, neulich vorgetragen von einem Radiosender mit nationalem Anspruch, wackelten die Ohren: "Viele Eltern wundern sich, welche Schule die richtige ist für ihr Kind", und man wundert sich, was als nächstes kommen soll, "das ist aktuell eine gute Frage" oder so. Aber die Sprache bleibt stark und ungebeugt und lässt jeden unterschiedslos von ihrer Schönheit kosten; man braucht nur eine Zunge, zum Schmecken.  

2017 war außerdem ein gutes Jahr, weil sich fußballerisch wieder einmal, und gar nicht mal so knapp, alles so gefügt hat, dass sich auch weiterhin mit Recht das schönste aller Lieder singen lässt: "Und Deutscher Meister werden wir im nächsten Jahr…!"

"Ja" zu 2017

Das war 2017. Wir sagen Ja dazu! Denn wir waren dabei, tapfer und bisweilen unverdrossen. Totalverweigerer sehen anders aus.

Übersicht

NachGedacht

Unsere Kolumnisten lassen die Woche mit ihren Kulturthemen Revue passieren und erzählen, was sie aufgeregt hat. Persönlich, kritisch und gern auch mit ein wenig Bösartigkeit gespickt. mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | NachGedacht | 15.12.2017 | 10:20 Uhr