Stand: 11.01.2018 18:33 Uhr

Wie alles vergeht

von Alexander Solloch
Alexander Solloch ist Literaturredakteur bei NDR Kultur.

Unser NachDenker - dieses Wissen ist zum Verständnis des nachfolgenden Textes unabdingbar - wird in diesem Jahr 40. Eine Zeit der Nostalgie, der Wehmut, des Wandels ist also für ihn angebrochen… na, wir brauchen das nicht weiter zu vertiefen, der eine oder andere von Ihnen wird sich diesem Alter auch schon genähert haben und von ähnlichem Schicksal angefochten worden sein: Man erkennt sich zum Teil selbst nicht wieder. Stellen wir uns zum Beispiel den NachDenker auf der Kirchenbank vor…

Niemanden würde es übermäßig erstaunen, wenn im Sonntagsgottesdienst einer evangelischen Kirche schwerpunktmäßig Wesen und Wandel des Lothar Matthäus zur Debatte stünden. Alles, was ein Prediger über menschliches Streben und menschliche Liebe zu sagen wünschte, ließe sich am Beispiel dieses Promis erläutern. Und sowieso verfügen die Protestanten ja über das bewunderungswürdige Talent, noch der scheinbar geringsten Alltäglichkeit Fragen nach ihrem tieferen Daseinsgrund zu entlocken. Einmal schleuderte mich das Autoradio in die live-Übertragung einer evangelischen Messe; als der Pfarrer seine Predigt mit den Worten begann, er habe neulich einen Sack Verpackungsmüll nach unten in den Hof gebracht und dabei gedacht…, musste ich wegen plötzlicher Unpässlichkeit leider anhalten und aussteigen, und jetzt werde ich nie erfahren, was der Pfarrer dachte, als er neulich den Müll nach unten in den Hof brachte, aber irgendetwas Bewusstseinsschweres wird es ja schon gewesen sein.

Luther, Lothar und Matthäus

Darum war der zuständige Richter am Verwaltungsgericht Kassel auch nicht übermäßig erstaunt über die Antwort eines iranischen Asylbewerbers auf seine Frage, was denn am vergangenen Sonntag in seiner Kirche gepredigt worden sei. "Von Lothar Matthäus", übersetzte der Dolmetscher. Nachdem der Iraner auf diese Weise seinen Übertritt zum evangelischen Christentum und, damit einhergehend, seine Gefährdung in vielen islamischen Ländern glaubhaft gemacht hat, darf er nun, meldet die Nachrichtenagentur AFP diese Woche, mit einem positiven Asylbescheid rechnen.

Ach so, einer war dann am Ende doch verwirrt. Zwar freute sich der Iraner über des Richters Wohlwollen und Interesse, das sich in vielen amüsierten Nachfragen äußerte, aber, dachte er, ist das in Deutschland wirklich üblich, nach Liebesleben und Arbeitsplatz der Protagonisten einer Predigt zu fragen, hier also von Luther und Matthäus, dem Evangelisten?

Der Richter hat das Zweitwahrscheinlichste auf der Welt schon gar nicht mehr für denkbar gehalten: dass also ein Protestant statt über Lothar über Luther predigen würde. Auch das ist bemerkenswert. Ich bin in letzter Zeit zwar nirgends mehr ein-, aus- und übergetreten, habe mir aber aus Neugier an Heiligabend das Krippenspiel der benachbarten evangelischen Kirche angesehen, aus dem, grob zusammengefasst, hervorging, dass Weihnachten das Fest der Ankunft Luthers auf Erden und der Befreiung der bis dato noch nicht volldurchlutherisierten Menschheit darstellt.

Ein Hauch Vergänglichkeit

Ich war noch nicht ganz überzeugt. Also kaufte ich nach den Feiertagen einen schönen großen Kalender. Woher kommt denn plötzlich dieser Hang zu althergebracht-traditionellem Handeln? Krippenspiel! Kalender! Stockt der Motor schon und stottert? Herrliche Bilder bringen ihn wieder in Schwung: Hannover in den 50ern fortfolgende [1]. Das Mysterium des unwiederbringlich Vergangenen. Ich sehe mir ja auch lieber die "Tagesschau vor 40 Jahren"  als die von heute an: Die Meldungen sind, mit leichten Abweichungen in den Postleitzahlen, dieselben, aber auf die Menschen schaue ich ganz anders. Noch, Herr Minister, wirkst du da in deiner Pracht, aber warte nur, balde bist du vergessen auch. Noch, Karl-Heinz Köpcke, runzelst du die Stirn über deinen Versprecher, aber der Tag wird kommen, an dem das alles vergangen ist und einfach nicht mehr zählt. Ein Straßenbahnhof  in der Hannöverschen Innenstadt, gerade fährt die Linie 18 Richtung Messegelände ein. Eine blondgelockte Dame mit Sonnenbrille steht an der Bahnsteigkante und lacht. Wo ist er hin, der Witz, und wie oft hat die Frau seitdem geweint? Ein Radfahrer saust über den Ernst-August-Platz: der ist 65 Jahre später, natürlich immer noch da und das Rad vielleicht auch - was aber bleibt vom quirligen Gedanken im Kopf des Fahrers?

Alles vergeht: die Kirchenspaltung, die Mülltrennung, die Grenzen, das Asylrecht. Nur Lothar Matthäus wird weiter nach der Liebe suchen, und wer, mal ehrlich, tut es nicht?

[1] Hannover 2018. Ein Wilhelm Hauschild Kalender, Leuenhagen & Paris 2017.

Alexander Solloch © NDR Fotograf: Christian Spielmann

Die NachDenker Kolumne über Vergänglichkeit

NDR Kultur - NachGedacht -

Im Angesicht der eigenen Vergänglichkeit nimmt sich NachDenker Alexander Solloch in seiner Kolumne traditionsschweren Themen an: Kirche, Glaube und Lothar Matthäus.

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Unsere Kolumnisten lassen die Woche mit ihren Kulturthemen Revue passieren und erzählen, was sie aufgeregt hat. Persönlich, kritisch und gern auch mit ein wenig Bösartigkeit gespickt. mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | NachGedacht | 12.01.2018 | 10:20 Uhr