Stand: 26.09.2019 14:21 Uhr

Die Mühsal böser Gedanken

von Alexander Solloch

Nach den Wahlen in Sachsen und Brandenburg und vor denen in Thüringen fragt sich Alexander Solloch: Wie fühlt sich das an, sich von der Wut leiten zu lassen? Ein Magengeschwür macht doch keinen Spaß, oder?

Alexander Solloch mit seinen Gedanken zur vergangenen Woche.

Rechtsradikal zu sein ist ja nicht nur menschenfeindlich und böse und kriegserregend; es ist zusätzlich noch so wahnsinnig unpraktisch und anstrengend. Warum tut man sich das an? Schon wahr, manchmal überwältigen uns die Aggressionen, dann packt uns die Wut auf dies, das und jenes: für diesen Fall ist der Fußball erfunden worden und der Videobeweis, den man dann freudvoll anbrüllen kann. Man kann überdies - selbst wenn man es höchstwahrscheinlich vermeiden sollte - einen Süßigkeitenautomaten umwerfen. Das ist auch nicht mit dem kleinen Finger zu erledigen, aber nichts im Vergleich zur Mühsal, ein schlechter Mensch, ein Rechtsradikaler zu sein.

Rechtsradikal zu sein ist wahnsinnig unpraktisch

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Rechtsradikal, was heißt das jetzt schon wieder in diesen etikettierungswütigen Zeiten? Es ist ganz einfach: Wer Menschen verachtet, die anders sind, beziehungsweise Menschen wählt, die Menschen verachten, die anders sind, ist rechtsradikal. Was denn sonst?

Wir brauchen keinen dieser Leute zu bemitleiden, wir können uns nur wundern. Haben Sie schon jemals einen Rechtsradikalen lachen sehen? Lachen, also: aus tiefer Seele sich ganz und gar einem kostbaren Augenblick hingeben und für diesen einen Moment unbestritten "ja" zum Leben sagen, nicht: zynisch keckern. Haben Sie jemals einem Rechtsradikalen einen Hauch von Witz abgelauscht, gar von undeutschem Esprit? Die haben nichts zu lachen. Harte Leben werden da (durch)geführt im Dienste einer verrückten Sache. Verkarstete Augen, geschworener Magen, und irgendwo dazwischen klebt eine sogenannte Ideologie, die mehr Energie verschwendet als die Lektüre des Prologs von Tellkamps "Turm".

Da gibt es nichts zu lachen

Man hat als schlechter Mensch ja keine ruhige Sekunde mehr; immer dieser Druck, gesinnungstreu handeln zu müssen, selbst in den Momenten, in denen Menschen ohne emotionale Verkrümmung ganz unvergrübelt einfach mal nur sein können. Ein Kaufhaus betreten, der Dame hintendran die Tür aufhalten und sie dabei anlächeln - ein Rechtsradikaler kann das nicht, wenn sie eine andere Hautfarbe hat. Sich freuen über die Mitteilung der frisch eingeschulten Tochter, dass sie eine neue Freundin gefunden hat und sich gern morgen mit ihr verabreden möchte - ein Rechtsradikaler kann das nicht, wenn die Freundin Fatima heißt. Ein Tor seiner Lieblingsmannschaft hemmungslos bejubeln - ein Rechtsradikaler kann das nicht, wenn der Schütze seine Fallrückziehertechnik vom kongolesischen Techniktrainer gelernt hat. Am See sitzen und sich von der Sonne bescheinen lassen - ein Rechtsradikaler kann das nicht, weil die Sonne blöderweise für alle da ist, und weil sowieso in der Zeit, in der man sich einfach hinsetzt und nichts tut, ebenso gut noch ein bisschen gegen Andersartige gehetzt werden könnte.

Jeder weiß, Nationalismus führt zu Krieg. Nichts auf Erden ist bewiesener als das. Und dafür all die Mühsal?

Alexander Solloch © NDR Foto: Christian Spielmann

Die Mühsal böser Gedanken

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Nach den Wahlen in Sachsen und Brandenburg und vor denen in Thüringen fragt sich Alexander Solloch: Wie fühlt sich das an, sich von der Wut leiten zu lassen?

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | NachGedacht | 27.09.2019 | 10:20 Uhr