Sendedatum: 26.07.2019 10:20 Uhr

Die Macht der Frisur

von Claudia Christophersen

Auf der politischen Bühne ist es zurzeit turbulent, trotz Sommerpause. Neue Ämter, neue Akteure in Brüssel, London, Berlin. Wie präsentieren sich die Damen und Herren der Macht? Claudia Christophersen hat darüber nachgedacht.

Bild vergrößern
Claudia Christophersen arbeitet seit 2013 als Redakteurin und Moderatorin für die Redaktion Kulturmagazine.

Boris Johnson: blond. Ursula von der Leyen: blond. Donald Trump - genau wissen wir es nicht - scheint auch irgendwie blond. Haarfarben, Frisuren, das Haar an sich, Faszination und Bannkraft - sind Thema, nicht nur bei Gerhard Staguhn, der ein neues Buch geschrieben hat: "Und ewig lockt das Haar". Auf rund 180 Seiten geht er dem "Restfell oder Schönheitsideal" nach und überlegt, wie sich die Kulturgeschichte der Frisuren im Laufe der Menschheit verändert hat. Wie das Haar gelegt, geglättet, gelockt, gescheitelt, geschnitten oder gefärbt wurde und wird. Warum aber ist das Haar so wichtig? Gerade in diesen Tagen? Gut, weil es den Kopf, den Denk- und Gedächtnisapparat vor Sonne und heißen Temperaturen schützt. Weil es uns schmückt, uns eine individuelle Charakternote verleiht. Ebenfalls gut. Was aber sagt es über uns aus, wie wir unsere Haare tragen? Sage mir, wie Deine Haare liegen, und ich sage Dir, wer Du bist?

Von der Leyens radikaler Schnitt

Alles eine Frage des Friseurs oder der eigenen Schere? Wie zeigen sich diejenigen, die gerade im politischen Rampenlicht stehen? Schick und schön frisiert? Alles von Natur gegeben? Oder künstlich dramatisiert und inszeniert? Ursula von der Leyen: Erst in der vergangenen Woche ihr Star-Auftritt in Straßburg: mit Verve für Europa geworben, bestens vorbereitet, polyglott, akkurat gekleidet, die Haare formvollendet. Was hat sie für einen Sprung, für einen "Change" in den vergangenen Jahren gemacht: Früher die brave Langhaarfrisur, mit Spange zurückgesteckt. Dann der radikale Schnitt: Haare ab, frech frisiert, als die wichtigen Ämter lockten. Die Message: selbstbewusst, durchsetzungsstark, energiegeladen. Eine kleine, zarte Frau, die weiß, wohin die Reise geht. Kein Haar dem Zufall überlassen.

Weitere Informationen

NachGedacht

Unsere Kolumnisten lassen die Woche mit ihren Kulturthemen Revue passieren und erzählen, was sie aufgeregt hat. Persönlich, kritisch und gern auch mit ein wenig Bösartigkeit gespickt. mehr

Genau das Gegenteil: der frisch ernannte britische Premierminister: Boris trägt Gezottel auf dem Kopf, seit eh und je. Von den Kinderfrisuren bis zum heutigen Tag. British Haircut? Wohl kaum. "Just Boris. A Tale of Blond Ambition", so ist die Johnson-Biografie von Sonia Purnell überschrieben. Seine Haare - schon immer ein Eyecatcher. Ob er, himself, vor dem Spiegel steht, Schere in der Hand? Vielleicht spricht und schimpft er dabei, führt Selbstgespräche wie er es schon in Brüssel getan hat, als er noch Korrespondent beim "Daily Telegraph" war.

Pflanze oder Boxsack - wen brüllt Boris an?

Damals war es eine giftige Yucca Palme, die er offenbar anbrüllte, um sich einzustimmen auf gallige Artikel über die europäische Szenerie. Gegen wen wird er jetzt in 10 Downingstreet wüten, schimpfen, seine Argumente schärfen, um sich vorzubereiten auf die Brexit-Schlachten im eigenen Parlament und mit der Europäischen Union? Stellt er ein robustes Pflänzchen in seinen Londoner Dienstsitz oder gleich einen Boxsack? Abreagieren im Vorfeld, bevor er nach Brüssel fährt? Man mag sich das vorstellen: Ursula und Boris zusammen in der europäischen Hauptstadt. Beim Tee. Auch so höflich, herzlich, harmonisch wie bei von der Leyens jüngstem Treffen mit Macron in Paris? Eher nicht. Boris wird poltern, diplomatisches Porzellan zerschmettern für seinen tollen Deal.

Vielleicht aber auch nicht. Denn charmant, witzig, einfach sweet, kann er sich ja durchaus auch geben. Die Queen, so ein abenteuerlicher Gedanke, könnte vielleicht royal vermitteln und sich auf das politische Parkett nach Brüssel begeben. Königin Elisabeth II., 93 Jahre alt, wohlfrisiert, jedes Haar gelegt. Am Schluss werden Frisuren keine Rolle spielen, sondern Argumente. Hoffentlich sind es überzeugende. Für Europa.

Claudia Christophersen © NDR Foto: Christian Spielmann

NachGedacht: Macht der Frisur

NDR Kultur - NachGedacht -

Es herrschen turbulente Zeiten auf den politischen Bühnen in Brüssel, London, Berlin. Wie präsentieren sich die Damen und Herren der Macht? Claudia Christophersen hat darüber nachgedacht.

4,6 bei 30 Bewertungen

Mit von 5 Sternen

bewerten

Vielen Dank.

schließen

Sie haben bereits abgestimmt.

schließen

Download

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | NachGedacht | 26.07.2019 | 10:20 Uhr