Stand: 11.07.2019 15:50 Uhr

Der frühe Tod

von Alexander Solloch
Alexander Solloch mit seinen Gedanken zur vergangenen Woche.

Neulich kam eine Mitteilung per elektronischer Post. Sie erzählte dem kleinen Kreis der Empfänger Neues über einen freundlichen Menschen, einen Mann mit kurzen grauen Haaren, dem Anschein nach immer schon Anfang 50; man nenne ihn Meyer. Herr Meyer, hieß es in der Mail, deren Verfasserin spürbar um den richtigen Tonfall rang, sei leider sehr krank und könne im Herbst nicht mehr an den gemeinsamen Jury-Sitzungen teilnehmen. Anfang des Monats sei er in ein Hospiz gezogen.

Vielleicht kommt es uns ja nur so vor, weil wir überempfindlich geworden sind und die Suche nach Beschwichtigung uns immer schwerer fällt. Aber ist dieses Jahr 2019 (zumindest seine uns bisher bekannt gewordene erste Hälfte) nicht ein ganz besonders vermaledeit trauriges? Man erinnert sich - wahrscheinlich zu Unrecht - kaum daran, dass wir jemals zuvor binnen so kurzer Zeit von so vielen uns irgendwie doch vertrauten Menschen verlassen worden wären: Hannelore Elsner, Rudi Assauer, Bruno Ganz, Wilhelm Wieben, Judith Kerr, Wibke Bruhns, Manfred Burgsmüller, Klaus Kinkel, Karl Lagerfeld, - jeden von uns hat es in den vergangenen Monaten doch mindestens einmal, wahrscheinlich öfter, heftig durchzuckt.

Nicht richtig zu Ende gebracht - ist es das, was bleibt?

Naturgemäß wühlt uns gerade der frühe Tod stark auf: Wiglaf Droste, Niki Lauda, Luke Perry durften nicht "alt" im geläufigen Sinne werden. Vor kurzem ist die Soulsängerin Astrid North gestorben. "Sie wurde nur 46 Jahre alt", hieß es übereinstimmend in allen Nachrufen. Die Schauspielerin Lisa Martinek, eben noch strahlend lebensfroh, hat im Italien-Urlaub ihr Leben verloren. "Sie wurde nur 47 Jahre alt", las man überall.

Wir wissen es wohl, dass jenes höhere Wesen uns abberuft, wann es ihm gefällt. Uns bleibt kein Mitspracherecht. Wir wissen es wohl, aber … aber dieses Wissen übersteigt alles, was wir fassen können. Und dann sagen wir: "nur" - "nur" 57, 52, 47 Jahre alt … und geben damit doch, fürchte ich, dem gelebten Leben eine irgendwie schiefe Überschrift: Nicht richtig zu Ende gebracht – ist es das, was bleibt?

"Richtiger" Zeitpunkt fürs Ende

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Ich bekenne, ich lese gern Traueranzeigen. Ich überlege mir, welches Schicksal hinter diesem Leben, jenem Tod stecken könnte. Ich rechne Lebensalter aus, nicke anerkennend über die 97-Jährige, die "in gesegnetem Alter" heimgerufen worden ist, erschrecke über den plötzlichen Fortgang des 49-jährigen Familienvaters. Die Betrachtung des Todes wird zur Leistungsschau. Wer hat's geschafft, wer nicht - und warum, guter Gott, und warum nicht? Rein formale Informationen (Geburtstag, Sterbedatum) bilden das Gerüst einer Geschichte, nein - eines Urteils. Einmal las ich eine Anzeige über den Tod einer Frau, deren Familie beklagte, sie sei "viel zu früh von uns gegangen".

Unwillkürlich und ungerecht fragte ich mich: Darf man denn nicht mit 75 sterben, ohne noch gerügt zu werden für den unangemessenen Zeitpunkt des Abgangs? So war's nicht gemeint, klar, aber - so stand's da, in meinen Augen. Ich sah die Dame abgestempelt: "viel zu früh" gestorben, das klingt, als habe sie alles in allem gar nicht gelebt, jedenfalls nicht genug, das klingt, als sei der Tod doch mächtiger als das Leben. Steht so die Erzählung eines Lebens nicht im Schatten seines "zu frühen" Endes? Schwingt sich so der frühe Tod nicht zur Hauptsache eines Lebens auf? Wer erwischt denn schon den "richtigen" Zeitpunkt fürs Ende? Da kann man sich ja mal vertun - aber es kommt doch darauf an, was davor geschah.

Kein Trost - mehr Beschwichtigung

Kurt Tucholsky schrieb vier Jahre vor seinem ("allzu frühen") Tod: "Der Mensch möchte nicht gern sterben, weil er nicht weiß, was dann kommt. Bildet er sich ein, es zu wissen, dann möchte er es auch nicht gern; weil er das Alte noch ein wenig mitmachen will. Ein wenig heißt hier: ewig." Ich würde auch gern noch ein wenig ewig mitmachen. Aber wenn mir morgen ein Ziegelstein auf den Kopf fällt, soll bitte keiner sagen: Er ist zu früh gegangen. Sondern: Er war glücklich über dieses schöne Leben. So viele bleiben ungeboren; er durfte leben. Das bietet alles keinen Trost in einer untröstlich machenden Welt, aber - vielleicht? - momentweise: Beschwichtigung.

Die elektronische Mitteilung endete mit den Worten: "Herr Meyer geht sehr offen mit seiner Krankheit und auch seinem bevorstehenden Tod um." Nicht nur ihm steht er bevor.

 

Alexander Solloch © NDR Foto: Christian Spielmann

Der frühe Tod

NDR Kultur - NachGedacht -

Am Ende des Lebens wird Bilanz gezogen - und die kann streng sein, wenn gewisse formale Kriterien nicht erfüllt sind. Alexander Solloch denkt nach über den frühen Tod.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | NachGedacht | 12.07.2019 | 10:20 Uhr

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