Stand: 13.08.2020 17:51 Uhr

Der einzigartige 14. August

von Alexander Solloch

Bei gut 80 Jahren liegt die durchschnittliche Lebenserwartung in Deutschland, das sind fast 30.000 Tage. Ziemlich viele, unübersichtlich viele - "und dennoch", meint Nachdenker Alexander Solloch.

Alexander Solloch von NDR Kultur © NDR / Christian Spielmann Foto: Christian Spielmann
Alexander Solloch ist Literaturredakteur bei NDR Kultur.

Wenn einer glaubt, ein Tag sei ja nur ein Tag, verwehender Blütenstaub im Kosmos und weiter nichts, dann ist er arg im Irrtum. Dies ist zum Beispiel der 227. Tag des Gregorianischen Kalenders. Er ist einzigartig. Nur eins hat er gemeinsam mit allen anderen Tagen im Jahr: den Umstand, dass die meisten Menschen ihn sehr bald schon, so etwa morgen, wieder vergessen haben, einige wenige ihn aber immer mit sich herumtragen werden, weil er - wir wiesen schon subtil darauf hin - so einzigartig ist. Einige dieser Wenigen tragen ihn fortan als schwere Last, die das Schlimme für sie bedeutet, das an diesem 14. August passiert, andere als fröhlichen Luftballon, in dem all das Glück hüpft, das man an einem Tag erleben kann. Unvergesslich, dieser einzigartige Tag, und unbegreiflich, wie viele Geschichten in ihm stecken, viele von ihnen unerzählt für alle Zeit.

Die Plastik "Der Denker" des Bildhauers Auguste Rodin.

AUDIO: Der einzigartige 14. August (4 Min)

Jeder Mensch ist ein Roman!

Man hat das ja manchmal, wenn man im Zug sitzt, diesem eigentlich literarischsten aller Verkehrsmittel. Allmählich verlangsamt sich die Fahrt, weil der Zug in eine Stadt einfährt, und was vorher nur ganz unscharf zu erkennen war, wird jetzt in seinen Konturen sichtbar: die Straßenzüge, die Fahrräder, die Autos, die Straßenbahn, die vielen Häuser, die vielen Häuser mit ihren Fenstern, wer sind all die Menschen, denkt man, die hinter diesen Fenstern leben, so viele Geschichten, so viele Schicksale, so viel Glück, so viel Glanz und Elend, jeder Mensch ein Roman!

Oder, aus anderer Perspektive und - von der Malerin Helene Schjerfbeck - schöner formuliert: "Ich möchte an meiner Straße am Fenster sitzen und glauben, dass jeder, der vorbeigeht, ein Leben lebt, glücklich oder unglücklich, aber tief." In jedem von uns spielt sich ein Spektakel ab, da heulen die Sirenen, knallt ein Feuerwerk, johlen die abgründigen Stimmen. Jedes Leben "ein kleines Ereignis in einem Ozean aus Ereignissen", so steht’s in Hilmar Klutes großartigem Paris-Roman "Oberkampf", der demnächst erscheint, sechs Tage nach diesem einzigartigen 14. August.

Weitere Informationen
Cover des Buchs "Oberkampf" von Hilmar Klute © Galiani

Die Longlist der NDR Kultur Literaturredaktion

Am 18. August wird die Longlist für den Deutschen Buchpreis 2020 bekannt gegeben. Die NDR Kultur Literaturredaktion hat schon mal die eigentlich wahre, die ultimative Longlist erstellt. Mit dabei: Hilmar Klutes Roman "Oberkampf". Bildergalerie

Was machte diesen Tag bislang so besonders? Am 14. August vor zwei Jahren wachten Hunderte Menschen in Genua und Umgebung auf, putzten sich die Zähne und womit man sich sonst so die Zeit vertreibt und ahnten noch nicht, dass in Kürze alles anders werden würde, dass ihre Lieben oder sie selbst ihr Leben verlieren würden. Um 11 Uhr 36 stürzte die Autobahnbrücke über der Innenstadt ein, 43 Menschen starben, weil sie - so verrückt musste man ja hinterher denken - ein paar Sekunden zu schnell oder zu langsam gewesen waren, weil sie sich ein winziges bisschen zu viel oder zu wenig Zeit beim Zähneputzen gelassen hatten.

Am 14. August 2015 hatte eine Familie aus Kaltenkirchen einen "tollen Tag" in einem Freizeitpark in Niedersachsen, sie ließ das hinterher die Leser des weltweiten Netzes wissen. Allerdings gab sie zu bedenken, dass die vielen Wespen genervt hätten, von denen man aber annehmen darf, dass sie, als sie sich ihre Flügel am Speiseeis der Parkbesucher verklebten, ebenfalls einzigartige Empfindungen hatten.

14. August - National Creamsicle Day in den USA

Man darf nämlich nicht vergessen, dass der 14. August, jedenfalls in den USA - aber warum nicht gleich überall? - als der National Creamsicle Day begangen wird, der Vanille-Fruchteis-am-Stiel-Tag. Zudem ist dies der Welttag der Eidechsen, was vermutlich den Millionen Ameisen, die auch heute wieder von diesen liebenswerten Reptilien verzehrt werden, nur noch mittelmäßiges Interesse abringt.

Übersicht
Stephanie Pieper, Ulrich Kühn, Claudia Christophersen und Alexander Solloch. © NDR Foto: Christian Spielmann

NachGedacht

Unsere Kolumnisten lassen die Woche mit ihren Kulturthemen Revue passieren und erzählen, was sie aufgeregt hat. Persönlich, kritisch und gern auch mit ein wenig Bösartigkeit gespickt. mehr

Vor genau 980 Jahren, am 14. August 1040, tötete der schottische Heerführer Macbeth König Duncan und bestieg nun selbst den Thron. Da war er wohl glücklich. Aber nur einen Tag darauf, wenn auch 17 Jahre später, also am 15. August 1057, verlor wiederum Macbeth in einer Schlacht um die Macht sein Leben. Jeder 14. August kann der glücklichste sein und jeder der letzte! Auf jeden vierzehnten August folgt auch ein fünfzehnter, das ist die ganze Geschichte.

Dies ist der 227. Tag des Gregorianischen Kalenders, ein Tag voller Dramatik und Wunder, und meine Güte - man könnte doch einmal aufstehen und an seiner frischen Luft schnuppern, besser noch: im Bett bleiben und auf einzigartige Weise gar nichts tun.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | NachGedacht | 14.08.2020 | 10:20 Uhr

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