Stand: 17.09.2020 17:12 Uhr

Der Mann mit ernster Miene zum Spiel

von Claudia Christophersen

46 Tage sind es noch, dann werden wir wissen, für welchen Kurs die US-Amerikaner und Amerikanerinnen sich entschieden haben. Trump oder Biden. Republikaner oder Demokraten. Am 3. November wird gewählt und viele - so die Prognose - könnten sich erneut für Donald Trump entscheiden. Claudia Christophersen über die bevorstehenden US-Wahlen.

Seine Gesichtszüge in diesen Tagen werden ernster: zusammengebissene Lippen, tiefe Stirnfalten, Haarfarbe nicht mehr rotgold, sondern silbergrau schattiert. Was ist los mit Donald Trump? Bekommt er den Ernst seiner Lage gerade zu spüren? In New York und Washington wähnt man den Präsidenten bereits auf verlorenem Posten. Wie fragte die "New York Times" kürzlich: Ist Trump schon erledigt? Mit einem "Ja" wurde geantwortet. Doch die großen Metropolen allein machen Amerika nicht aus. 50 Bundesstaaten von der Atlantikküste über den Mittleren Westen bis nach Hollywood - das Land ist groß, vielfältig und immer wieder ungewiss.

Hat die Demokratie überhaupt eine Chance?

Man könnte träumen von einem Präsidenten, oder einer Präsidentin. Mit geistreichen Ideen, mit Charisma, schwungvollem Esprit. Mit Intellekt, Menschlichkeit, Humor und Haltung. Barack Obama kommt einem sofort in den Sinn. Oder seine Frau Michelle, die seit Juli die digitale Welt in ihrem Podcast erobert und über allzu Menschliches talkt, auch über Politik, auch über Donald Trump.

Die Frage, die sich mit Blick auf den 3. November stellt: Hat Joe Biden, haben die Demokraten, hat die über Jahrhunderte eingespielte Demokratie überhaupt eine Chance? Biden ist kein Erfrischungskandidat, hofft auf Stimmen mit Kamala Harris als Running-Mate, als Schwarze, als Frau und ein paar Jahrzehnte jünger als er. Ob das am Ende den Ausschlag geben wird, steht noch in den Sternen. Im August wurde Harris benannt, in diesem September ist es schon erstaunlich ruhig um sie geworden.

Der Friedensnobelpreis für Trump?

Für Trump hingegen kann alles nicht laut genug sein, nicht schnell genug gehen. Atemlos will er bewegen, was noch zu bewegen ist. Trump, der Twitterer, mit seinen fast 86 Millionen Followern. Hier macht er im Kulturwandel der Kommunikation Politik.

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Stephanie Pieper, Ulrich Kühn, Claudia Christophersen und Alexander Solloch. © NDR Foto: Christian Spielmann

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Sein Wahlversprechen: "Make America Great Again" - daran hält er fest. Koste es, was es wolle. Auch in Sachen Israel, oder wenn es um seine strategischen Machtspiele in Nord-Korea geht, Iran, die Golf-Staaten - Trump macht sich allen Ernstes wieder einmal Hoffnungen auf den Friedensnobelpreis. Deshalb: Warum kein Platz in der Präsidentenriege am Mount Rushmore, neben George Washington, Thomas Jefferson, Roosevelt und Lincoln? Donald Trump in Stein gemeißelt und verewigt. Kein Scherz, kein Witz, ernsthaft in Erwägung gezogen natürlich vom Präsidenten selbst.

Bringen Trumps Wahrheiten ihn zu Fall?

Was ihn - unerwartet - in Argumentationsnöte bringen könnte, ist ein Buch, das in diesen Tagen in den USA erschienen ist. 18 Interviews, die der gefürchtete Starreporter der "Washington Post" Bob Woodward mit Trump geführt hat. Keine Geschichten, kein Spielraum für Girlanden und Interpretationen. Gespräche eins zu eins. Warum, fragen sich viele, hat Trump sich dem ausgesetzt? Die Antwort kann nur lauten: Eitelkeit, massive Selbstüberzeugung, keinerlei Selbstzweifel. Trump glaubte daran, dem Journalisten seine Sicht auf die Welt erklären zu können. Warum sollte Woodward ihm schaden, bietet er ihm doch eine weitere Bühne für inszenierte Selbstdarstellungen. Weiß Donald Trump, wer Bob Woodward ist? Der Journalist, der zusammen mit einem Kollegen in den 1970er-Jahren den Watergate Skandal aufgedeckt und Präsident Richard Nixon zu Fall brachte. Hat er jemals einen Text von Bob Woodward gelesen? Fragen.

In "Rage", übersetzt: "Wut" - so der Titel - erzählt Trump vertrauensselig seine Wahrheiten. Erstaunlich. Corona hat die Welt erschüttert, auch Amerika. Tatsächlich, so Trump zu Bob Woodward, sei Covid-19 tödlicher als eine schlimme Grippe. "Deadly stuff". Aha. Frühzeitig habe er davon gewusst und lieber geschwiegen als sein Land zu beunruhigen. Ein weiterer Mosaikstein im großen Bassin der "neuen Unübersichtlichkeit".

Das Urteilen über Wahrheit und Lüge, Schein und Sein, Wissen und Meinen: alles nicht neu, sondern eine hochphilosophische Herausforderung, die die Menschheit anstrengt und provoziert - aber schon seitdem sie existiert.

Claudia Christophersen © NDR Foto: Christian Spielmann

AUDIO: Der Mann mit ernster Miene zum Spiel (5 Min)

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Porträtfoto von US-Präsident Donald Trump. © dpa bildfunk/AP Foto: Manuel Balce Ceneta

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | NachGedacht | 18.09.2020 | 10:20 Uhr

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