Stand: 18.07.2019 15:49 Uhr

Das schlechte Klimagewissen

von Stephanie Pieper

Die frisch gewählte Präsidentin der EU-Kommission, Ursula von der Leyen, hat die Bekämpfung des Klimawandels als eine der wichtigen europäischen Herausforderungen benannt. Hierzulande tagte gestern Abend das Klimakabinett - und die Bundesumweltministerin plädiert dafür, Flugreisen zu verteuern. All das bringt unsere Kolumnistin Stephanie Pieper ins Grübeln.

Bild vergrößern
Stephanie Pieper leitet bei NDR Kultur die Hauptredaktion "Kulturelles Wort" in Hannover.

Wirklich zu verstehen ist es ja nicht, dass die Deutsche Bahn Ökosteuer zahlen muss auf den Strom, den sie verbraucht - während die Fluggesellschaften ihr verbranntes Kerosin in die Atmosphäre pusten dürfen, ohne dass der Fiskus sie speziell dafür zur Kasse bittet. Frankreich dagegen will im nächsten Jahr eine Ökosteuer für Flugtickets einführen - gut so! Auch bei der Mehrwertsteuer werden die beiden Fortbewegungsmittel übrigens ungleich behandelt: Wer eine Fahrkarte bei der Bahn kauft - ganz gleich, ob es sich um eine innerdeutsche Verbindung handelt oder ob die Fahrt ins Ausland führt -, der zahlt auf den vollen Ticketpreis die Mehrwertsteuer. Wer dagegen mit dem Flieger ins Ausland reist, der muss überhaupt keine Mehrwertsteuer berappen. Es gäbe also allein im Steuerrecht noch einige Stellschrauben, um den Verkehr in Richtung einer besseren Umweltverträglichkeit zu steuern.

Muss es wirklich der Kurz-Trip nach London sein?

Einige der jungen Klimaaktivisten von "Fridays for Future" gaben diese Woche in einer Zeitung zu Protokoll, dass sie in diesem Sommer entweder mit der Bahn quer durch Europa reisen oder auf den Urlaub gleich ganz verzichten - um Veranstaltungen zu organisieren, auf denen sie neue Protestformen ersinnen wollen. Ein bewundernswertes Engagement, das schon meine Generation - die Mitt-Vierziger - alt und bequem und konsumfixiert und rücksichtslos aussehen lässt. Wir leben im Heute, aber auf Kosten der Zukunft. Immerhin führt die von Greta Thunberg mit ausgelöste neue Klimadebatte aber dazu, dass manche ihre Urlaubspläne auf den Prüfstand stellen: Muss es wirklich der Kurz-Trip nach London oder, schlimmer noch, nach New York sein? Lassen sich die schönen Ecken Europas nicht auch mit dem Zug entdecken?

Weitere Informationen

NachGedacht

Unsere Kolumnisten lassen die Woche mit ihren Kulturthemen Revue passieren und erzählen, was sie aufgeregt hat. Persönlich, kritisch und gern auch mit ein wenig Bösartigkeit gespickt. mehr

Andererseits würde man in seinem Leben schon gern noch die Natur Neuseelands bewundern, die Rocky Mountains in Kanada erkunden und mal in Südostasien vorbeischauen. Wer statt zu fliegen mit dem Schiff in die Ferne fährt, um das Öko-Gewissen zu beruhigen, gibt schnell seinen Jahresurlaub dafür her - und zumindest Kreuzfahrtschiffe sind auch alles andere als eine umweltbewusste Form des Reisens. Was wiegt nun schwerer: Die Neugier des Menschen darauf, den Planeten (und bald vielleicht das All) kennenzulernen - oder die Spur der ökologischen Verwüstung, die er dabei als Massentourist hinterlässt?

Neuzulassungen von SUVs gestiegen

Ach, es plagt einen dieser Tage fast permanent das schlechte Gewissen - auch beim Anblick des eigenen Autos, das mehr als 90 Prozent seiner bisherigen Lebenszeit damit verbracht hat, öffentlichen Raum zuzuparken - Platz, der für Fahrradwege, für Spielplätze, für die Begrünung der Städte doch so viel sinnvoller genutzt werden könnte. Sollte man also nicht doch endlich das geliebte Vehikel verkaufen oder verschrotten und sich endlich fürs Carsharing anmelden? Wobei diese Form der Mobilität bislang mehr Medienphänomen als Realität ist in Deutschland: Rund 24.000 Carsharing-Fahrzeugen, genutzt von etwa 2,5 Millionen Kunden, stehen immer noch circa 47 Millionen Pkw gegenüber. Bei den SUVs, die besonders viel Sprit schlucken, gab’s ein Plus von fast 20 Prozent bei den Neuzulassungen im vergangenen Jahr. Die Frage ist aber auch: Bringt Carsharing die Leute tatsächlich dazu, auf ein eigenes Auto zu verzichten - oder steigen vielmehr diejenigen um, die sonst die U-Bahn oder den Bus genutzt hätten? Der E-Scooter ist als Alternative für das schnelle Vorankommen in der Stadt zwar gerade hip, aber wohl auch nicht die Lösung all unserer Mobilitätsprobleme. Herrje, mal wieder mehr Fragen als Antworten in dieser Kolumne - aber damit fängt das Nachdenken ja meist an.

Stephanie Pieper © NDR/ Foto: Christian Spielmann

Das schlechte Klimagewissen

NDR Kultur - NachGedacht -

Die frisch gewählte Präsidentin der EU-Kommission, Ursula von der Leyen, hat die Bekämpfung des Klimawandels als eine der wichtigen Herausforderungen benannt. Das bringt Stephanie Pieper ins Grübeln.

5 bei 1 Bewertungen

Mit von 5 Sternen

bewerten

Vielen Dank.

schließen

Sie haben bereits abgestimmt.

schließen

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | NachGedacht | 19.07.2019 | 10:20 Uhr