Stand: 28.05.2020 13:52 Uhr

Corona und die Wut: Straßenansichten

von Claudia Christophersen

Deutschland erwacht langsam, behutsam aus dem Corona-Dornröschenschlaf. Der Alltag meldet sich zurück. Und damit die Verunsicherung, wie wird das Leben weitergehen?

Samstagnachmittag in einer deutschen Innenstadt: Menschen gehen auf die Straßen und demonstrieren, glauben einfach nicht daran, was in den letzten Monaten passiert ist. Corona? Ein Spuk, ein Strauß von Widersprüchen und Reglementierungen. Wütender Protest in Stuttgart, München, Hannover, Berlin. Was geht da vor? Wer sind diese Menschen? Was treibt sie an? Sind es die, die wir von Pegida kennen? Die Wutbürger von 2015? Oder die, die mehr Freiheit für sich und die Welt fordern? Oder einfach Menschen, die ihre Rechte unangemessen eingeschränkt sehen?

Allen, ob rechts, links oder Mitte, allen setzt die Lage derzeit zu. Neben den vielen Baustellen, die es im Hier und Jetzt gibt, kam Corona obendrauf, machte und macht die Zukunft noch ungewisser als sie ohnehin für viele in diesen Tagen, Wochen, Monaten ist. Wir wissen nicht, wie es weitergeht. Wie sich das Gewohnte neu sortieren wird. Wie Beständiges neu gemischt wird. Die Angst ist da vor dem Danach. Verunsicherung breitet sich aus wie das gekrönte Virus selbst. Da wird händeringend nach Erklärungen gesucht, seien sie auch noch so abwegig, abstrus, absurd. Schuldige werden gesucht und benannt.

Alles keine neuen Mythen

Idealer Stoff für Wildheit: aufgeregt, unauffällig gekleidete Männer und Frauen stehen da auf deutschen Plätzen und erklären, sie wollten die "Freiheit" verteidigen, denn es werde ein "totalitäres Regime installiert". Keinesfalls wollten sie, gäbe es das Mittel, geimpft werden. Bill Gates behaupten sie, sei ein gefährlicher Mann. Der Microsoft-Gründer und seine Ehefrau Melinda schrieben der Welt vor, wie sie zu leben hat. Globale Gesundheitsdiktatur! Warum? Leicht erzählt: Gates habe böse Absichten: Er selbst habe mitgemischt bei der Erschaffung des Virus. Oder er wolle Menschen Mikrochips zur Überwachung unter die Haut setzen. Alles keine neuen Mythen, oft aufgegriffen von dystopischen Visionären. Krudes Zeug.

Der Länder-Lockerungswettbewerb ist eröffnet

Wo waren wir da noch vor Wochen? Ruhig, ängstlich, bescheiden, gottfroh darüber, dass Schlimmstes verhindert werden konnte. Corona in Deutschland. Nicht in Italien, nicht in Spanien. Keine Gräberfelder für unzählige Särge. Die Deutschen waren vergleichsweise schnell, besonnen und werden einmal mehr gelobt für sagenhaftes Krisenmanagement. Aber jetzt nagt die Ungeduld: Menschen werden zappelig, können die große Ausnahme nicht ewig leben.

Doch: Wo bleibt die Vernunft? "Von Ver- zu Geboten, von staatlichem Zwang hin zu selbstverantworteten Maßnahmen". So will es Bodo in Thüringen. Weite Teile seines Landes seien seit Wochen infektionsfrei, also bitte, Corona-Entspannung. Inzwischen ist Ramelow zurückgerudert, alles nur ein Missverständnis. Tatsächlich? Oder doch eher strategisches Manövrieren für die Neuwahl im kommenden Jahr? So oder so. Die Aufregung war programmiert: Angela Merkel will "gemeinsame Zielsetzung" und bundesweite Regeln. Keine Extrawurst aus Thüringen. Schnappatmung kam prompt vom bayerischen Nachbarn, der droht mit entsprechenden "Reaktionen". Wie auch immer die aussehen mögen. Der Länder-Lockerungswettbewerb ist eröffnet. Wo nur sind die Leute mit ihren Gedanken, mit ihrem Sinn für Strategie und Masterplan?

Welttheater wieder Vernunft einhauchen

Vielleicht muss man einfach mal richtig gute Zeichen setzen, um diesem Welttheater wieder Vernunft einzuhauchen. Die New York Times hat das jüngst zum Memorial Weekend getan: ohne Bilder, ohne Grafik erschien die Titelseite der Sonntagsausgabe: "Hunderttausend Tote, ein unermesslicher Verlust". Namen mit Kurznachrufen. Der kalten Statistik der Corona-Opfer wurde eine Stimme gegeben. Beklemmende Poetik des Totengedenkens: berührend, ergreifend und klug.

 

Claudia Christophersen © NDR Foto: Christian Spielmann

Straßenansichten: Für die Freiheit, gegen die Regeln

NDR Kultur - NachGedacht -

Deutschland erwacht langsam aus dem Corona-Dornröschenschlaf. Der Alltag meldet sich zurück. Und damit die Verunsicherung, wie das Leben weitergehen wird. Gedanken von Claudia Christophersen.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | NachGedacht | 29.05.2020 | 10:20 Uhr