Stand: 30.01.2020 18:23 Uhr

Brexit: Großbritannien wird fehlen

von Stephanie Pieper
Stephanie Pieper © NDR/ Foto: Christian Spielmann
Stephanie Pieper leitet bei NDR Kultur die Hauptredaktion "Kulturelles Wort" in Hannover.

Die Nacht vom 23. auf den 24. Juni 2016 wird unsere Kolumnistin Stephanie Pieper ihr Leben lang nicht vergessen: Damals war sie Radio-Korrespondentin im ARD Studio London - und erlebte live mit, wie die Briten im EU-Volksentscheid mit einer knappen Mehrheit von 52 Prozent für den Brexit stimmten. Nach viel politischem Chaos in London und elendig langem Hick-Hack in den Verhandlungen ist es nun soweit: Erstmals kehrt ein Land der Europäischen Union den Rücken. Für Stephanie Pieper ein trauriger Tag.

Ach, es ist ein Jammer. Ich bin nicht nah am Wasser gebaut, aber heute ist mir zum Heulen zumute - so wie einigen Europa-Abgeordneten in dieser Woche, nach der Verabschiedung des Brexit-Abkommens. Wie haben uns die Briten doch kulturell bereichert und beschenkt in den vergangenen Jahrzehnten und Jahrhunderten: Jane Austen und die Brontë-Schwestern, Edward Elgar und Benjamin Britten, Neville Marriner und Simon Rattle, die Beatles und die Rolling Stones, William Turner und Tracey Emin, Judi Dench und Anthony Hopkins, James Bond und Miss Marple, Wallace und Gromit - die Liste ließe sich endlos fortsetzen. Gewiss, die Briten verlassen heute nicht Europa, nur die EU. Und doch, und doch. Die Beziehung wird eine andere sein.

Großbritannien: Segel für einen neuen Kurs gesetzt

 

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Puzzlestücke mit britischem, europäischem und niedersächsischem Flaggensymbol. © Fotolia.com Foto: Pixelbliss, moonrun

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Die Entscheidung für den Brexit und das Festhalten daran ist weitgehend ein Ergebnis jener gesellschaftlichen Spaltung, die nicht nur Großbritannien erfasst hat und die wir lange unterschätzt haben - Stadt gegen Land, Jung gegen Alt, Arm gegen Reich. Bis heute haben wir, weder auf der Insel noch auf dem Kontinent, ein Rezept dafür gefunden, wie wir dieser Spaltung begegnen können. Deutschland jedoch, das hat der Brexit-Streit leider überschattet, hat Großbritannien viel zu verdanken: letztlich unsere Freiheit, unsere Demokratie. Wir sollten dieses Geschenk, das auch die Briten uns gemacht haben, nicht geringschätzen und das Land nicht verteufeln dafür, dass es jetzt die Segel setzt für einen neuen Kurs. Großbritannien hat den Zweiten Weltkrieg gewonnen und ein Empire verloren, es ist immer noch ständiges Mitglied im Weltsicherheitsrat, es ist Atommacht, es hat herausragende Universitäten und ein verlässliches Rechtssystem: eine gefestigte Demokratie, die auch die Brexit-Wirren überstehen wird.

Wie sich die Tektonik des Vereinigten Königreichs verändern wird durch den Brexit, das wissen wir indes noch nicht: Die schottischen Nationalisten wollen raus aus der ungeliebten Union mit England und Wales - und die irischen Nationalisten wollen die Teilung ihrer Insel überwinden. Beides wird nicht schnell passieren, aber beides könnte passieren. Wie sich die Tektonik der geschrumpften Europäischen Union durch den Ausstieg der Briten verändern wird, auch davon haben wir noch keine richtige Vorstellung. Ja, die Briten waren oft ein unbequemer Partner in Brüssel, aber sie saßen mit am Tisch, und auch sie haben Europa vorangebracht.

Vernetzung unserer klügsten Köpfe

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Bei einer Demonstration in London tragen Teilnehmerinnen und Teilnehmer vor dem Parlamentsgebäude Fahnen der EU und Großbritanniens sowie ein Transparent mit der Aufschrift: "Brexit: Is it worth it?". © dpa picture alliance/ZUMA Press Foto: OM1

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Was nun bleibt, ist die Hoffnung. Nicht die auf ein zweites Referendum und den raschen Wiedereintritt in die EU; beides war nie und ist auf kurze Sicht nicht realistisch - und ein erneuter Volksentscheid hätte der gespaltenen britischen Gesellschaft auch keine Versöhnung gebracht. Hoffen müssen wir auf ein umfassendes Abkommen beider Seiten, das möglichst viele jener Freiheiten bewahrt, die wir zu lange für zu selbstverständlich hielten - nicht nur, damit Waren und Geld reibungslos verkehren können, sondern um menschliche Begegnungen sicherzustellen, den Austausch von Schülerinnen und Studenten, von Musikerinnen und Wissenschaftlern, von Künstlerinnen und Touristen. Den Herausforderungen des 21. Jahrhunderts, vor denen Großbritannien und die EU gemeinsam stehen, werden wir ohne Dialog über Grenzen hinweg, ohne Vernetzung unserer klügsten Köpfe, ohne Verknüpfung unseres Wissens, nicht begegnen können.

Kultur verbindet uns - zum Glück!

Man konnte nach dem Brexit-Votum durchaus verzweifeln an den Briten - und doch liebe ich dieses Land und seine Leute: Ich liebe das pulsierende London und die raue Küste Nordirlands, ich liebe den Earl Grey und die Pubs, ich liebe pappige dreieckige Weißbrot-Sandwiches und antiquierte Wasserhähne, ich liebe britische Museen und Paul McCartney, ich liebe Scones und Shortbread, und ich liebe die Höflichkeit und den Pragmatismus der Briten. Reisen Sie also bitte weiter fleißig auf die Insel, hören Sie britische Musik, schauen Sie britische Filme, mögen Sie britische Kunst! Denn die Kultur ist es, die uns zum Glück verbindet.

In der Nacht vom 23. auf den 24. Juni 2016, als sich der Sieg der "Brexiteers" von Stunde zu Stunde klarer abzeichnete, war ich berührt und bewegt, fasziniert und fassungslos. Noch heute bekomme ich eine Gänsehaut, wenn ich an jene Nacht zurückdenke. Am Morgen danach versammelten sich vor dem Privathaus von Boris Johnson etliche EU-Freunde, die ihrer Wut auf den Kopf der Brexit-Kampagne lautstark Luft verschafften. Er wird als der Premier in die Geschichte eingehen, der aus Machtkalkül Großbritannien aus der EU geführt hat; dieses Vermächtnis hat er zu verantworten. Von morgen an hat die Europäische Union nicht mehr 28, sondern nur noch 27 Mitgliedsstaaten. Großbritannien fehlt dann. Großbritannien wird fehlen. Ach, es ist ein Jammer. Zum Heulen.

 

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | NachGedacht | 31.01.2020 | 10:20 Uhr

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