Stand: 10.07.2020 10:20 Uhr

Bolsonaro oder: Wann ist ein Mensch ein Mensch?

von Ulrich Kühn
Ulrich Kühn hat mit seinem Lieblings-Psychiater über den brasilianischen Präsidenten gesprochen.

"Meine Hände werden alt", sagte mein Lieblings-Psychiater Dr. Brack. Wir hatten uns in der Corona-Zeit nicht gesehen, ich war spontan nach Lübeck gefahren und saß ihm jetzt gegenüber. Komische Atmosphäre, vier Meter Abstand, er starrte auf seine Pfoten. "Hände verraten alles, Herr Kühn. Es liegt nicht an der Seife. Ich habe all die Wochen hingebungsvoll gecremt." Er zupfte an blütenweißen Fingern. Sein Ehering fehlte. Ich fragte nicht nach: Psychiater ist Psychiater, Patient ist Patient. Wenngleich ich mir einbilde, unser Verhältnis habe sich verändert, das hierarchische Gefälle der ersten Jahre sei dahin. Manchmal sprechen wir schon wie Mensch zu Mensch.

Bolsonaro: Das Menschliche derb vor Augen geführt

"Haben Sie den Bolsonaro gesehen?", fragte Brack, "als er sich nach dem positiven Test die Maske vom Gesicht riss? Der wirkt jünger, als auf dem Taufschein steht." "Was steht denn auf dem Taufschein?", erkundigte ich mich, "trägt man in Brasilien bei der Geburt das Alter ein, das einer in 65 Jahren erreicht haben wird?" Brack grunzte. "Ach, Kühn, Sie sind doch kein Witzbold. Der Präsident ist ein interessanter Fall. Steckt sich angeblich mit dem weltberühmten Virus an und alle erliegen ihren Reflexen. Die einen wünschen ihm den Tod, andere trotz allem beste Genesung, wieder andere spekulieren, dass er sich gar nicht angesteckt hat, sondern nur so tut, um durch strotzendes Wohlergehen zu beweisen, dass selbst Ältere mit Lungenvorerkrankung durch dieses 'Grippchen' spazieren können wie durch einen Lustgarten. Und die, die ihn anbeten - wissen Sie, selbst wir sprechen da ungeschützt von Blödianen. Egal, was kommt, die rücken keinen Millimeter vom Glauben ab. Der Kerl und seine Fan-Corona führen das Menschliche so derb vor Augen, dass man sich als Psychiater beschämt abwendet und lieber auf Hände starrt. Na, und die werden halt älter. Wie Bolsonaro. Okay, der zumindest vorläufig noch." Diese Bemerkung fand ich abgeschmackt. "Sagen Sie mal, Dr. Brack, worauf wollen Sie hinaus?"

Und da, wie aus dem Nichts, folgte sein Arroganz-Anfall: "Herr. Kühn. Wie. Lange. Kennen. Wir. Uns." Als wollte er mir das Gefühl geben, ich sei ein Wurm. "Bald sechs Jahre", antwortete ich mit wackligem Löwenmut, "was hat das mit meiner Frage zu tun?" "Ich hoffte, Sie nicht nur psychisch stabiler, sondern menschenklüger zu machen. War wohl nichts." "Menschenklüger? Was heißt denn das?", fragte ich. "Das würde bedeuten", sagte er, "dass Sie was von Menschen verstehen. Wenn ein Bolsonaro sagt: Leute, ich bin infiziert; und triumphal hinzufügt, er sei 'eben ein Mensch wie jeder andere auch': Was bringt das zum Ausdruck, Kühn? Na, was?"

Was denkt ein verrückter Präsident?

"Dass er andere für doof genug hält, ihn für einen Halbgott zu halten?" "Ich bin erleichtert. Mein Wirken war nicht vergebens, Sie ahnen was Richtiges. Dieser Mensch stellt sich über andere Menschen, verachtet sie, wenn sie das akzeptieren und tobt, wenn sie es nicht akzeptieren. Deshalb labt er sich daran zu verkünden, er sei ja doch irgendwie auch nur ein Mensch." "Aber was sonst, Dr. Brack?" "Tja, was denkt ein verrückter Präsident? Und wann ist ein Mensch ein Mensch? Psychiater antworten nicht, Psychiater stellen die besseren Fragen. Schauen Sie übrigens mal Ihre Hände an. Sie sollten sich beeilen mit dem Menschenklug-Werden. Ciao."

Ich habe nicht "Ciao" gesagt, ich sagte "schöne Grüße an die Gemahlin" und scheuerte ihm eine. Nicht fest, eher wie ein derberes Streicheln. Aber jung hat sich meine Hand dabei angefühlt. Klar, es war falsch, Brack war der Erste, den ich je schlug, ein grober Fehler war das. Aber wann ist ein Mensch ein Mensch? Wenn er Fehler macht. Ich bin kein Psychiater, doch eins weiß ich sicher: Präsident, Psychiater, Patient, Halbgott, Psychogott oder Wurm: Zuletzt sind alle zum Menschsein verdammt. Und bis jetzt ist auch keiner von allen unsterblich.

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Bolsonaro oder Wann ist ein Mensch ein Mensch?

Brasiliens Präsident hat sich nach eigenen Angaben Corona eingefangen. Kein Kolumnen-Thema? Ja, wäre da nicht eine uralte und sehr menschliche Frage, findet Ulrich Kühn. Audio (04:05 min)

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | NachGedacht | 10.07.2020 | 10:20 Uhr