Stand: 30.07.2020 21:21 Uhr

Berliner Museen: Schaut auf diese Stadt!

von Stephanie Pieper

"Das war's, Preußen" lautete kürzlich eine Schlagzeile in der "Zeit" - nachdem der Wissenschaftsrat empfohlen hatte, die Stiftung Preußischer Kulturbesitz grundlegend neu zu ordnen. Mitte August wird sich der Stiftungsrat mit den Vorschlägen befassen. Zu diesem Kultur-Tanker gehören auch die Berliner Museen - und die könnten sich durchaus ein Beispiel nehmen an internationalen Vorbildern. Das findet jedenfalls unsere Kolumnistin Stephanie Pieper, die sowohl die Berliner als auch die Londoner Museen gut kennt.

Stephanie Pieper leitet bei NDR Kultur die Hauptredaktion "Kulturelles Wort" in Hannover.

Zu wenig Kooperation zwischen den Staatlichen Museen zu Berlin, zu wenig kreative Ausgestaltung der eigenen Rolle in der Gesellschaft, zu wenig Ausstellungen von Weltrang: Es ist kein freundliches Urteil, das der Wissenschaftsrat über die Häuser in der Hauptstadt fällt - immerhin 15 Museen an 19 Standorten mit fast fünf Millionen Objekten in ihrem Besitz. Sicher, auf der Museumsinsel in Berlins historischer Mitte sind meist viele Touristen unterwegs - doch wer sich an einem beliebigen Wochenende etwa in die Gemäldegalerie oder das Kunstgewerbemuseum verirrt, der kann dieses harsche Urteil nachvollziehen: Denn in vielen Ausstellungshallen herrscht gähnende Leere, auch schon vor Corona; manchen mag diese andächtige Stille bei der Begutachtung von Kunst mit Kennerblick genügen, aber lebendig wird die Kunst doch erst im Auge möglichst vieler Betrachter, die mit ihr in einen Dialog treten.

Was bieten die Berliner Museen?

Bieten aber die Berliner Museen regelmäßig Blockbuster-Ausstellungen, für die Besucher sich online um die besten Slots reißen? Haben die Kuratoren pfiffige Ideen für gemeinsame und überraschende Schauen? Locken attraktive Angebote junge Familien in die Museen? Lädt die Architektur dazu ein, zu verweilen - auch ohne, dass man zuvor mindestens zwei Stunden (man hat schließlich viel bezahlt!) durch eine Ausstellung schlendert? Sind die Cafés so hip, dass man sich dort gern mit Freunden trifft - und sind die Shops so gestaltet, dass man dort beim Stöbern nach Mitbringseln versinkt?

Stephanie Pieper © NDR/ Foto: Christian Spielmann

Berliner Museen: Schaut auf diese Stadt!

NDR Kultur - NachGedacht -

Die Berliner Museen könnten sich ein Beispiel nehmen an internationalen Vorbildern. Das findet jedenfalls unsere Kolumnistin, die sowohl die Berliner als auch die Londoner Museen gut kennt.

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Es lohnt ein Blick nach London

Leider muss man für Berlin viele dieser Fragen mit Nein beantworten. Es lohnt daher der Blick nach London. Die großen Museen dort machen vor, wie man ein breites Publikum erreicht - ohne dabei an internationalem Renommee einzubüßen. Dort können sich Kunstinteressierte oft nur schwer entscheiden, ob sie nun zuerst die National Gallery, die Tate Britain oder das Victoria & Albert Museum besuchen sollen - weil alle Häuser gleichzeitig herausragende Schauen im Programm haben, mit Leihgaben aus den Top-Museen aus aller Welt, mit spannenden inhaltlichen Bögen.

Tate Modern: Menschen machen sich die Kunst zu eigen

Allein das British Museum hat - in Nicht-Corona-Zeiten - jährlich mehr Besucher als alle Berliner Museen zusammen. Für die Sonderausstellungen in London sind die Ticketpreise durchaus happig, dafür kosten aber die großartigen ständigen Ausstellungen keinen Eintritt: Die Gebäude stehen allen offen, jeder ist willkommen. Was dazu führt, dass etwa die Tate Modern im umgebauten Kraftwerk an der Themse an den Wochenenden brummt: Es ist dann laut, es ist rummelig, es rennen Kinder umher. Hier herrscht kein elitäres Verständnis von Kunstgenuss in leeren Sälen, sondern die Menschen machen sich die Museen und die Kunst darin zu eigen. Dafür wurden sie schließlich gebaut. Und wer in den schönen Museumsshops keine hübschen Geschenke findet, der ist selbst schuld. Der Brite Neil MacGregor wollte als Gründungsintendant freien Eintritt auch beim neuen Humboldt Forum in Berlin durchsetzen; doch seit er weg ist, hat der Enthusiasmus für seine Idee leider deutlich nachgelassen in der deutschen Kulturbürokratie. Dabei muss es doch das Ziel sein, die Hemmschwelle zu senken, möglichst vielen Leuten Lust zu machen auf bildende Kunst: Jung und Alt, Arm und Reich, Stadt und Land, Weiß und Schwarz. Nur nennenswerte Resonanz rechtfertigt letztlich das Steuergeld, das den Häusern zufließt.

Schwierige Fragen beschäftigen auch die Londoner Museen

Zugegeben, auch in Brexit-Land ist nicht alles Gold, was glänzt: Sich ihrem kolonialen Erbe zu stellen, mühsame Restitutionsdebatten zu führen - das ist für die Londoner Museen eine ebenso große Herausforderung wie für die Berliner. Auch dort fragen Kritiker: Wo wird eigentlich die Kunst von Frauen, die Kunst von Nicht-Weißen, die Kunst aus der vermeintlichen Provinz gewürdigt? Und sind Ölkonzerne oder Oligarchen als Ausstellungssponsoren eigentlich noch politisch korrekt? Schwierige Fragen, auf die es nirgendwo leichte Antworten gibt.

Liebe Kulturstaatsministerin, lieber Kultursenator: Trauen Sie sich, den Berliner Museen neue Wege zu ebnen.

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NachGedacht

Unsere Kolumnisten lassen die Woche mit ihren Kulturthemen Revue passieren und erzählen, was sie aufgeregt hat. Persönlich, kritisch und gern auch mit ein wenig Bösartigkeit gespickt. mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | NachGedacht | 31.07.2020 | 10:20 Uhr