Stand: 07.02.2019 16:47 Uhr

Am Grab von Else Lasker-Schüler

von Natascha Freundel

Vor 150 Jahren, am 11. Februar 1869, kam die deutsch-jüdische Dichterin Else Lasker-Schüler in Elberfeld, heute ein Stadtteil von Wuppertal, zur Welt. 1933 floh sie von Berlin nach Zürich, nach einer Palästina-Reise 1939 verweigerte ihr die Schweiz die Rückkehr - und sie blieb in Jerusalem. In unserer Kolumne denkt Natascha Freundel über das Nachleben von Lasker-Schülers Werken nach - und über ihre eigenen Erlebnisse auf dem Weg zu ihrem Grab auf dem Ölberg.

Liebe Else, bitte entschuldige, aber ich hätte Dich beinah vergessen. Jahrelang verstaubten Deine Bücher im Regal. Dabei waren mir Deine Gedichte einmal lieb und teuer. Ewig her. Es war wohl im hochsensiblen Teenageralter, als Dein "Weltschmerz" zu mir sprach: "Ich, der brennende Wüstenwind,/ Erkaltete und nahm Gestalt an." Sagenhaft, wie fremd Wörter werden können, die man einmal durch und durch zu verstehen glaubte.

"Jerusalem - Gottes verschleierte Braut"

Es war eher eine Laune, eine fixe Idee, als ich neulich an einem Schabat nach Deinem Grab in Jerusalem suchte. Ich wusste nur, es liegt irgendwo auf dem Ölberg und wird daher kaum zu finden sein, ist doch fast der ganze Ölberg ein einziger Friedhof, eine Terrassenlandschaft für die unsichtbaren, allgegenwärtigen Toten der Stadt, die nachts durch die kleinen Luken ihrer Gräber schlüpfen und dort oben unter den Sternen mit Panoramablick auf die Altstadt sonst was treiben.

Doch wir haben Dein Grab gefunden. Eine Internetseite lokalisiert jedes gesuchte Grab in der Heiligen Stadt und sendet punktgenaue Koordinaten an jedes, für derlei überirdische Signale empfängliche Gerät. Hast Du nicht geschrieben, Jerusalem sei "die Sternwarte des Jenseits, der Vorhimmel des Himmels?" Jedenfalls funktionieren solche Verbindungen, die Raum und Zeit transzendieren, im "Hebräerland" heute besonders gut. (Vielleicht ist es auch daher nicht ganz ausgeschlossen, dass diese Worte Dich irgendwie erreichen?) Mein ortskundiger Begleiter hatte die zauberhafte Webseite aufgetan, aber nun standen wir vor verschlossenen Toren. Viele andere Teile des Friedhofs waren zugänglich, dieser nicht. Wir sahen uns um: Ein Kamel mit buntem Sattel ruhte auf einem staubigen Teppich und blickte gelangweilt in die Kameras der verzückten Touristen. In großen Gruppen und allen Sprachen bestaunten sie Dein "Jerusalem - Gottes verschleierte Braut", und niemand scherte sich um Deine unzugängliche Ruhestätte, außer uns dahergelaufenen Literaturromantikern.

Ein schönes Plätzchen 

"Das Tor ist schon seit 50 Jahren zugeschlossen! Den Schlüssel hat die Polizei." Ratlos stehen wir am Empfang des monströsen, unheimlich leeren Hotels am Platze. "Fragen Sie nach Ibrahim", sagt noch jemand, "bei den Souvenirhändlern. Ibrahim hat den Schlüssel." Dann ist es nicht Ibrahim, aber Ibrahims Sohn, dessen Telefonnummer wir wählen sollen: "Vielleicht kommt er. Obwohl Schabat ist!"

Zehn Minuten später ist der Türhüter zu Deiner Grabstätte da, liebe Else. Wir haben gewettet, ob er Deinen Namen kennen würde, ich habe gewonnen: "Die Dichterin, ja, sie liegt da drüben!" Ein schönes Plätzchen hast Du. Neben schmalen Zypressen und anderen großen Namen deutsch-jüdischer Eingewanderter. "Hier war das Grab der berühmten Dichterin Else Lasker Schüler 1869 - 1945" steht auf dem Grabstein. Auf der Rückseite wird erklärt, die Gräber seien im Mai 1948 von der Arabischen Legion zerstört und nach dem Sechstagekrieg 1967 wiedererrichtet worden. Irgendjemand hat ein weißes Alpenveilchen und Narzissen auf die Grabplatte gestellt. Wir haben sie gegossen, dem Türhüter gedankt, seine Nummer für alle Fälle gespeichert: "You are welcome", sagte er und lächelte.

"Im Grunde versteht man sich im Heiligen Lande - ohne was zu sagen. Die Sonne bringt hier alles an den Tag." Das hast Du über Deine Reise nach Palästina 1934 geschrieben. Tatsächlich war es ein Leichtes, sich ohne viele Worte zu Dir durchzufragen. Für diesen Moment stimmte, was Du - die immer übertrieben liebende Dichterin - in Deinem Hohelied auf Jerusalem geschrieben hast: Hier gehe "Jude und Christ, Mohammedaner und Buddhist Hand in Hand. Das heißt, ein jeder begegnet dem Nächsten mit Verantwortung. Es ziemt sich nicht, hier im Heiligen Lande Zwietracht zu säen." Liebe Else, ich wollte Dir nur sagen, dass Dein sonniges Hebräerland für Augenblicke, wie neulich an Schabat, kein Traum ist.

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NachGedacht

Unsere Kolumnisten lassen die Woche mit ihren Kulturthemen Revue passieren und erzählen, was sie aufgeregt hat. Persönlich, kritisch und gern auch mit ein wenig Bösartigkeit gespickt. mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | NachGedacht | 08.02.2019 | 10:20 Uhr