Proben beim Ballett Oldenburg © NDR.de Foto: Helgard Füchsel

Staatstheater Oldenburg: Ballett inspiriert vom Lockdown

Sendedatum: 30.09.2020 14:30 Uhr

Monatelang war das Oldenburgische Staatstheater wegen der Corona-Pandemie geschlossen. Aber die Tänzerinnen und Tänzer der Oldenburger Ballettcompagnie waren nicht untätig. Entstanden ist der Ballettabend "1,5 m".

von Helgard Füchsel

Einige der Mitwirkenden haben sich allein zu Hause Solochoreografien ausgedacht. Diese sind am 2. Oktober, zusammen mit einigen Pas de deux und anderen Choreografien, in der Uraufführung "1,5 m" zu sehen.

Proben beim Ballett Oldenburg © NDR.de Foto: Helgard Füchsel
Das riesige Tutu zwingt zu einem Abstand von 1,5 Metern.

Die Damenschneiderei am Oldenburgischen Staatstheater ist das Improvisieren gewohnt. Für die Produktion "1,5 m" bekam sie einen besonders kniffligen Auftrag - ein riesiges Tutu. Das Ballettröckchen sollte um die Tänzerin herum, im Radius von einem Meter fünfzig fest abstehen, dabei aber schwingen. Wie ein Wurfzelt, dachte die Gewandmeisterin, Sabine Klemm. Sie schnitt die kreisförmige Stange aus so einem Zelt und ließ sie in durchsichtigen weißen Stoff einnähen. Bei der Bühnenprobe mit Tänzerin Teele Ude war die Gewandmeisterin begeistert.

"Als wir es auf der Bühne gesehen haben, war das total super, denn es bewegt sich sehr schön. Es ist nicht nur ein Kreis, sondern legt sich in Wellen, je nach dem, was sie macht. Sie kann es hochklappen. Dann zieht sie es zum Schluss auch aus und es wird in den Schnürboden hochgezogen. Das sind ganz tolle Effekte und das war richtig toll", berichtet Sabine Klemm.

"Swan at home"

Teele Ude tanzt in dem riesigen Tutu zur berühmten Ballettmusik "Der Schwan" aus dem Karneval der Tiere. Kein klassischer sterbender Schwan, sondern ein "Schwan zu Hause", der wochenlang allein ist und mit dem Tutu Abstand hält. "Swan at home" ist eine von vielen Kurzgeschichten, die der Ballettabend "1,5 m" erzählt, sagt die Dramaturgin Telse Hamann.

Einerseits drücke es die ganze Bandbreite des Könnens der Compagnie-Mitglieder aus, von klassischen Stücken aus dem frühen bis späten neunzehnten Jahrhundert und dann eben ganz modernen Choreografien aus der Jetzt-Zeit, berichtet Telse Hamann. "Und gleichzeitig wollen wir auch zeigen, dass die Kunst, dass die Kreativität und Energie natürlich trotzdem noch da ist, trotz der ganzen Corona-Restriktionen", so die Dramaturgin weiter.

Spannung im Probenalltag

Wegen der Corona-Pandemie müssen Tänzerinnen und Tänzer weit mehr Abstand als nur einen Meter Fünfzig halten. Deshalb gibt es beim Ballettabend "1,5 m" fast nur Soli. Eine Herausforderung, sagt die Dramaturgin:

"Es ist unglaublich spannend, jeden einzelnen der Künstlerinnen und Künstler so ganz alleine konzentriert zu sehen. Man kann sich dann natürlich gar nicht mehr verstecken. Alle Blicke sind auf einen gerichtet, während man dieses Solo tanzt."

Corona - der Klang des Stillstands

Vier Tänzerinnen und Tänzer haben eigene Choreografien untergebracht, wie Francesco Fasano. Er hat während des Corona- Lockdowns einen Tanz entwickelt - ein Duo mit Mindestabstand. Andere Choreografien zeigen wie einsam die Tänzerinnen und Tänzer sich gefühlt haben. Laura Cristea hat Vogelgezwitscher in ihr Solo eingebaut. Der Klang des Stillstands im April.

Viele Compagnie-Mitglieder fühlten sich im Frühjahr eingeengt in kleinen Wohnungen und vermissten ihre Familien, sagt die Ballettmeisterin Carolina Sorg. Das zeigen sie jetzt auf der Bühne. In gewisser Weise tanzten sie zu Hause um ihr Leben, berichtet sie.

Zwischen Beruf und Berufung

"Naja, der Beruf ist schon sehr eigen. Es ist nicht nur ein Beruf, es ist schon Berufung. Die Karriere ist so kurz und wenn man ein Jahr lang nichts macht - das ist schon ganz schlimm. Und man hat es gespürt, als sie die Bühnenprobe gemacht haben, wie glücklich diese Menschen waren. Den ersten Tag im Ballettsaal hat man dieses Strahlen fast mit der Hand anfassen können, weil sie so glücklich waren, wieder hier zu sein", erzählt die Ballettmeisterin.

Der Ballettabend "1.5 m" feiert am 2. Oktober um 19.30 Uhr im großen Haus des Oldenburgischen Staatstheaters Uraufführung.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | 30.09.2020 | 14:30 Uhr

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