Stand: 02.03.2020 18:03 Uhr

Hopp, die Fans und das große Gefühl

von Alexander Solloch

Für kurze Zeit war am Wochenende in Deutschland die Aufregung um Corona einer anderen Aufregung gewichen: der über die Schmähplakate einzelner Fans in mehreren Fußballstadien; Plakate, die sich sehr unflätig gegen den DFB und vor allem gegen Dietmar Hopp, den Mäzen des Bundesligisten TSG Hoffenheim, richteten. Mehrere Spiele standen am Rande des Abbruchs, die Spieler von Hoffenheim und Bayern München kickten sich am Ende nur noch die Bälle zu, aus Protest gegen die Beleidigungen. Groß war die Empörung. Und wo war die Substanz? Gedanken von einem regelmäßigen Stadiongänger.

Karl Heinz Rummenigge umarmt Dietmar Hopp bei einem Fußballspiel zwischen der TSG Hoffenheim und FC Bayern München. © picture alliance/augenklick Foto: Stefan Matzke
Das große Gefühl: Karl-Heinz Rummenigge umarmt Dietmar Hopp.

"Two Twenty-nine" ist, so scheint's, das neue "Nine Eleven". Der Wettkampf darum, wer diesen Katastrophentag als Erster ausruft, war am Sonnabend, dem 29. Februar, unter den Sportreportern im vollen Gange. Für eine Klärung der Frage, wer ihn gewonnen hat, wird man noch einmal den Audiobeweis zu Rate ziehen müssen, aber ins Zeug gelegt haben sie sich alle vorbildlich: "Tag der Schande" riefen die einen, "von heute an ist nichts mehr, wie es mal war", ächzten die anderen, und nur die Besonnenen hatten noch Zugriff auf ein gemäßigtes Vokabular; da hielt dann "Fußball-Deutschland den Atem an" und was dergleichen unentspannter Tätigkeiten mehr sind.

Einmal durchzuatmen muss dennoch nicht verkehrt sein.

Schmähbanner: Plumpes Vokabular schadet sehr

Dass die Schmähbanner einzelner Ultras gegen einen Einzelnen und auch gegen den Fußballverband schlimm und dumm sind, ist inzwischen von so vielen Menschen gesagt worden, dass es nicht noch eigens wiederholt zu werden braucht. Hinzufügen könnte man allenfalls, dass die Plakate obendrein auch von erschreckender Fantasielosigkeit und mentaler Unreife ihrer Urheber zeugen. Sollten diese Fans tatsächlich ein Anliegen haben - und das Anliegen, die vom Verband verhängten Kollektivstrafen gegen ganze Fangruppen zu kritisieren, wäre ja tatsächlich unterstützenswert -, so schaden sie ihm mit ihrem plumpen Vokabular schwer. Hätten sie zur Abwechslung zum Beispiel einmal: "Der DFB ist nicht übermäßig liebenswert" geschrieben oder "Lasset uns feiern einen Fußballverband, der sich nicht für Fußball interessiert", etwas in der Art - dann hätte das tatsächlich der Beginn einer spannenden Auseinandersetzung sein können, in der "gut" und "böse" nicht mehr so enttäuschend klar auseinanderzuhalten wären. Zugleich hätte es am Wochenende nicht diesen Strom aus Krokodilstränen gegeben, der uns alle mitzureißen drohte.

Dies nämlich sind die drei Dinge, die außer dem Offensichtlichen auch noch auffielen und tieferes Nachdenken verdienten:

Wenn ein Milliardär beleidigt wird

Die große Empörung hatte in ihren inszenierten Anteilen etwas Schmierenkomödiantisches. Es ist keine vier Wochen her, dass in einem DFB-Pokal-Spiel in Gelsenkirchen Jordan Torunarigha, ein Spieler von Hertha BSC, der aus Chemnitz stammt und dessen Vater Nigerianer ist, von einzelnen Zuschauern rassistisch beleidigt wurde. Der Schiedsrichter sah keine Veranlassung, das Spiel zu unterbrechen, wohl aber Torunarigha, der - gemessen an DFB-Sittlichkeitsmaßstäben - allzu überbordende Emotion zeigte, des Feldes zu verweisen. Um es milde und mit größtmöglicher Sachlichkeit zu formulieren: Bei nächster Gelegenheit wird der Fußballverband beweisen müssen, dass ihn nicht nur dann fassungsloses Entsetzen peinigt, wenn ein Milliardär beleidigt wird.

Affektierter Gratismut

Auch die Journalisten tun gut daran, in den Spiegel zu sehen und zu erkennen, dass Schaum vorm Mund kein attraktiver Gesichtsschmuck ist. Sie sollen beobachten und aufklären, nicht zwangsneurotisch andere Menschen, und seien sie noch so unangenehm, mit nichtssagenden Etiketten wie "Irre", "Wirrköpfe" und "Verbrecher" versehen. Wenn der Reporter im "Aktuellen Sportstudio" sechs Stunden nach dem Eklat von München erklärt, er werde jetzt aus Protest das Kommentieren einstellen, so ist das kein heldenhafter Akt des Widerstands, sondern affektierter Gratismut. Ein Held wäre tatsächlich der erste Fußballreporter, der es bei Ansicht eines Schmähplakats schaffte, seine persönliche Empörung für sich zu behalten.

Überdosis Pathos

Diese Überdosis Pathos macht misstrauisch: Wird denn also, da wir ja in letzter Zeit immerzu von "Narrativen" reden, gegenwärtig womöglich an einem Narrativ geschmiedet, demzufolge das Fußballstadion ein Ort der Unmoral ist, an dem man sich nicht mehr sicher fühlen kann? Der in vielfacher Hinsicht seit einiger Zeit schon festzustellende Versuch der Verbände, aus dem Stadion ein Pensionat für wohlerzogene Jungs und Mädchen zu machen, wird scheitern. Mag schon sein, dass sich künftig Schiedsrichter, Spieler und Funktionäre vor Anpfiff und nach Abpfiff rituell in den Armen liegen. Es schaut dann nur keiner mehr zu. Späterhin wird dann vielleicht irgendein Historiker eine Verbindungslinie ziehen vom Ende des Fußballs zu "Two Twenty-nine".

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch unterwegs | 02.03.2020 | 16:20 Uhr

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