Stand: 07.06.2018 18:44 Uhr

Pastor Wilfried Manneke hat Zivilcourage

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Seit mehr als 20 Jahren engagiert sich Wilfried Manneke gegen Ausgrenzung.

Wilfried Manneke setzt sich als christlich denkender, fühlender und handelnder Mensch für Flüchtlinge ein und kritisiert in Friedensgottesdiensten Waffenlieferungen in Krisengebiete. Sein Mut und seine Nächstenliebe stoßen bisweilen auf heftigen Widerstand: Man hat den niedersächsischen Pastor angezeigt und mit Drohungen und Schmierereien einzuschüchtern versucht. Jetzt wird der niedersächsische Pastor mit dem Paul-Spiegel-Preis für Zivilcourage geehrt.

Herr Manneke, Sie sind seit 1995 Pastor in Unterlüß in der Lüneburger Heide. Aber es war überhaupt nicht Ihr Vorsatz, sich zu engagieren, als Sie dorthin kamen. Sie haben gesehen, da passieren Sachen, die Sie nicht billigen können, und haben sich dann engagiert.

Wilfried Manneke: Ja, das ist richtig. Bevor ich nach Unterlüß kam, war ich zwölf Jahre lang Auslandspfarrer in Südafrika, noch zur Zeit der Apartheid. Die Zeit in Südafrika hat mich sensibel gemacht für Themen wie Rassismus, gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit, Ausgrenzung, ungleiche Behandlung von Menschen. Als ich nach Unterlüß kam, musste ich mit Erschrecken feststellen, dass es in der Region Neonazis gibt, die sehr aktiv sind. Alleine im Umkreis von 40 Kilometern um Unterlüß herum gibt es vier Neonazi-Kameradschaften. Und damals, nur 20 Kilometer entfernt, betrieb der Rechtsanwalt und NPD-Aktivist Jürgen Rieger ein Schulungszentrum für Neonazis, "Hetendorf 13", ein Zentrum der Wiking-Jugend mit 300 Betten. Das hat mich aus der Reserve gelockt, dass ich mich sofort der Bewegung gegen Rechtsextremismus vor Ort angeschlossen habe.

Hatten Sie keine Angst?

Manneke: Zum Glück stehe ich nicht alleine auf der Straße und protestiere gegen Rechtsextreme, sondern wir sind viele. Auch wenn es schon einige Vorfälle vor meinem Haus gegeben hat, muss ich sagen: Angst habe ich nicht.

Nun ist es eine Sache, dass der Pastor sagt: Wir in der Kirchengemeinde wollen das nicht; wir werden dagegen vorgehen, dass sich hier Neonazis im Umkreis treffen. Aber wie wird das in der Gemeinde aufgenommen? Welche Rückmeldungen haben Sie bekommen, und wie hat sich das vielleicht verändert im Laufe der Jahre?

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Manneke: Ich bin ja zunächst Gemeindepfarrer in Unterlüß und muss dort meine wöchentliche Arbeit machen - und das mache ich auch. Ich habe immer darauf geachtet, dass mir nicht der Vorwurf gemacht werden kann, dass ich mich mehr gegen Rechtsextremismus engagiere, als dass ich mich für meine Kirchengemeinde einsetze. Deswegen habe ich auch häufig schon Mahnwachen gegen Rechtsextremismus vorzeitig verlassen, weil ich einen Termin in der Gemeinde hatte. Das ist schon wichtig.

Im Großen und Ganzen erlebe ich das so, dass die Gemeindemitglieder hinter diesem Engagement stehen. Besonders nach dem Brandanschlag auf unser Haus hat sich das noch vermehrt. Dieser Brandanschlag war so eine Art Initialzündung: Da haben viele erst gemerkt, welche Gefahr vom Rechtsextremismus ausgeht und dass man die Neonazis nicht einfach so machen lassen kann, sondern dass man sich ihnen in den Weg stellt. Einige sind froh darüber, dass sie sich ihnen nicht in den Weg stellen müssen, sondern dass ich das mache - aber auch nicht alleine, sondern wir sind eine große Gruppe von Gleichgesinnten.

Dreimal im Jahr gehen Sie mit einer größeren Gruppe nach Eschede, wo auf einem etwas abgelegenen Hof Wintersonnenwend-, Sommersonnenwendfeiern stattfinden. Da erfahren Sie eine ganz konkrete Unterstützung.

Das komplette Gespräch zum Nachhören
36:17

Pastor Wilfried Manneke hat Zivilcourage

08.06.2018 13:00 Uhr

Seit über zwanzig Jahren engagiert sich Wilfried Manneke gegen Ausgrenzung. Jetzt wird der niedersächsische Pastor mit dem Paul-Spiegel-Preis geehrt. Audio (36:17 min)

Manneke: Auf dem Hof des NPD-Aktivisten Jochim Nahtz in Eschede finden mindestens dreimal im Jahr große Brauchtumsfeiern statt, wie die Nazis sie bezeichnen, und zwar schon seit weit über 25 Jahren. Wir wissen erst seit 2007 davon, und seit 2007 stehen wir jedes Mal vor dem Hof und führen eine Mahnwache durch. Die Neonazis auf dem Hof in Eschede kommen aus dem ganzen norddeutschen Raum. Zurzeit sind es um die 100, die sich da treffen, aber es waren auch schon über Jahre hinweg jedes Mal 300, einmal sogar 600. Wenn wir uns da treffen, sind wir zwischen 100 und 300 Gegendemonstranten, aber es ist so sicher wie das Amen in der Kirche: Wenn die Nazis auf dem Hof zusammenkommen, stehen wir vor dem Hof und demonstrieren gegen diese Zusammenkünfte, weil wir der Meinung sind, dass wir die Ideologie der Nazis nicht unwidersprochen im Raum stehen lassen können. Wir demonstrieren gegen diese Treffen und sprechen uns in erster Linie gegen diese Ideologie aus. Die Neonazis haben die Ideologie der Ungleichheit; sie sind nicht der Meinung, dass alle Menschen vor Gott und dem Gesetz den gleichen Wert haben, gleichberechtigt sind, gleich behandelt werden müssen. Sondern sie unterscheiden Menschen nach Hautfarben, nach Religion, nach kulturellem Hintergrund, nach höher- und minderwertigem Leben oder sogar als lebensunwert. Sie haben in besonderer Weise Menschen mit anderer Hautfarbe im Visier, aber auch Menschen anderer Religion wie Juden und Muslime. Sie stellen sich auch Behinderten in den Weg, Homosexuellen oder Menschen, die eine andere politische Überzeugung haben. Und dagegen wehren wir uns.

Sie sind nicht nur auf Mahnwachen, sondern Sie setzen sich auch bei der Jugend ein, weil sie in ihrer Arbeit gemerkt haben, dass Neonazis ganz gezielt junge Leute abwerben. Wie kann man da entgegenwirken?

Manneke: Ende der 90er-Jahre ist es Rechtsextremen aus Hetendorf gelungen, über zehn Jungs im Alter von 14 Jahren in ihre Reihen zu ziehen. Die meisten von ihnen hatte ich kurz vorher konfirmiert. Die Neonazis haben die Jungs mitgenommen zu den Neonazi-Kameradschaften nach Celle und Braunschweig. Sie haben sich gekleidet mit Bomberjacken und Springerstiefeln, hatten kahlgeschorene Haare und waren sogar im Wald und haben dort einen Eid auf eine Flagge abgelegt. Ich war damals ziemlich erschrocken darüber, weil das hier direkt vor der Haustür passierte. Ich habe dann mit der Schulleiterin von Unterlüß einen Runden Tisch gegründet, wir haben die katholische Kirche mit ins Boot geholt und andere Hilfe und haben ganz intensiv daran gearbeitet, diese Jungs aus der rechten Szene wieder herauszuholen und in den Schulen aufzuklären, aber auch im kommunalen Jugendtreff, im Konfirmandenunterricht und unter den Eltern. Das schwierigste Stück Arbeit war, die Eltern davon zu überzeugen, dass ihre Jungs in die rechte Szene abgerutscht sind - das wollten viele gar nicht glauben, und das mussten wir ihnen erst nachweisen.

Nach der Gründung des Runden Tisches haben wir zum Beispiel vier Jahre lang sehr intensiv bei uns vor Ort gearbeitet - die Schule hat dann den Titel "Schule ohne Rassismus" verliehen bekommen. Das war die erste Schule im Landkreis Celle und erst die siebte in ganz Niedersachsen. Wir haben Gewaltprävention durchgeführt, wir haben aufgeklärt über das Dritte Reich - nur 25 Kilometer von uns entfernt liegt das frühere KZ Bergen-Belsen. Wir haben festgestellt, dass die in die rechte Szene abgerutscht waren, von all diesen Dingen noch gar keine Ahnung hatten: Die wussten nicht, was im Dritten Reich passiert ist, die waren nicht im Bilde über Bergen-Belsen. Das hat dann auch die Schule dazu veranlasst, Teile des Geschichtsunterrichts schon in die sechste Klasse vorzuverlegen, um zu verhindern, dass Jugendliche ganz blind in solche rechtsextremen Gruppen hineinschlittern.

Das Gespräch führte Martina Kothe

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassik à la carte | 08.06.2018 | 13:00 Uhr