Stand: 11.12.2018 16:53 Uhr

Regula Mühlemann: Lebensfrohe Koloraturen

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Regula Mühlemann bekam in diesem Jahr den Opus Klassik als beste Nachwuchskünstlerin.

Mit ihrer kristallklaren Stimme verströmt sie Lebensfreude pur. Wenn Regula Mühlemann aus Mozarts Oratorium "Die Schuldigkeit des ersten Gebots" die Zeile singt "O so jauchze, lache ...", dann kommt genau dieses Lebensgefühl direkt bei den Zuhörenden an. Sie strahlt eine fröhliche, lebendige, überbordende Kraft aus und hat eine unglaubliche Bühnenpräsenz.

Frau Mühlemann, es ist erst ein paar Jahre her, dass Sie Ihr Studium in Luzern beendet haben, Sie stehen aber bereits auf den bedeutenden Bühnen, haben einen hochkarätigen Plattenvertrag in der Tasche. Sie wurden als "aufgehender Stern" bezeichnet und zur "Schweizer Maria Callas" ernannt. Wie geht es Ihnen damit? Ist Ihnen das zu rasant, zu viel auf einmal?

Regula Mühlemann: Ja, wenn man das so gesammelt hört, dann klingt es schon ein bisschen verrückt. Ich muss aber sagen, dass es Schritt für Schritt gegangen ist, dass ich nie überfordert wurde und mir für jede wichtige Entscheidung Zeit nehmen konnte. Wenn ich jetzt zurückblicke, dann ist viel passiert, aber ich konnte jede Entscheidung nach und nach bewusst fällen. Es war sehr einfach, diese Schritte zu nehmen.

Ich habe in Interviews von Ihnen gelesen, dass Sie am Anfang ein bisschen gefremdelt haben mit Ihrer eigenen Stimme und dass Sie lieber eine samtenere, goldenere Stimme hätten. Wie war das am Anfang für Sie, und haben Sie sich inzwischen angefreundet?

Mühlemann: Ja, das war tatsächlich so. Ich wollte auch immer Locken - und habe keine. Ich habe mich inzwischen damit angefreundet. Früher fand ich eine unglaubliche Ästhetik in einem runden, weichen, warmen Klang, einem dunklen Klang. Immer wenn ich Sängerinnen hörte, die dieses dunkle Timbre haben, hat mich das unglaublich fasziniert und tut es heute noch. Ich habe immer von dieser "Rotwein-Stimme" gesprochen, die ich leider nicht habe, und ein Journalist hat einmal gesagt: "Sie haben aber eine 'Champagner-Stimme' - das ist doch auch nicht so falsch." Wenn man eine sehr schwere, runde, dunkle Stimme hat, hat man weniger Beweglichkeit, man kann Koloraturen nicht so leicht singen und nicht in höchste Höhen entschweben. Und plötzlich dachte ich: Ist doch auch nicht so schlecht, was ich da geschenkt bekommen habe.

Wann haben Sie eigentlich angefangen zu singen?

Mühlemann: Ich habe schon sehr früh gesungen, aber nicht Klassik. Ich bin aufgewachsen mit einer Mama, die viel Gitarre gespielt hat, und wir haben sehr viel gesungen, auch mit anderen Leuten. Ich weiß nicht, ob das noch ein bisschen von der Hippie-Zeit inspiriert war, dass wir so viel in Gesellschaften gesungen haben. Heute tut man das irgendwie nicht mehr so. Das hat mich in meiner Kindheit sehr geprägt, und da habe ich viel Beatles gesungen, Volkslieder und alles Mögliche. Deswegen habe ich auch heute noch überhaupt keine Berührungsängste.

Zur Klassik gekommen bin ich wahrscheinlich durch die Luzerner Kantorei, wo ich angefangen habe, in einem Chor zu singen, geistliche Werke aufzuführen. Das Erste, was ich gehört habe, war Rossinis "La Carita" oder so ein Werk - das hat mich total fasziniert. Das war der Moment, in dem ich Feuer gefangen habe für die Klassik.

Wo sehen Sie die Gefahren des heutigen Opernbetriebs? Haben Sie zum Beispiel Angst, zu schnell zu große Rollen zu singen oder verheizt zu werden? Kann man da gut gegensteuern?

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Mühlemann: Ich finde es immer einfach, anderen Leuten die Schuld für einen Fehler zu geben. Ich treffe alle Entscheidungen selber. Da kann man niemandem einen Vorwurf machen, weil jeder Sänger selbst entscheidet, wie voll sein Kalender sein wird, und jeder entscheidet, welche Rollen er singt. Das Schwierige ist, dass wir oft abschätzen müssen, ob wir in zwei oder drei Jahren diese Partie singen können. Und da fängt für mich die größte Schwierigkeit an. Ich nehme mir immer Zeit, wenn eine Anfrage kommt - obwohl ich selber gerade vor einer Premiere stehe und viel los ist. Ich beantworte die Mail nicht sofort, weil ich mir Zeit nehmen will, bis ich die Partitur vor mir habe und es durchgesungen habe. Das dauert manchmal richtig lange. Man will aber auch weiterkommen: Ich möchte in drei Jahre Partien wählen, die mich weiterbringen - nicht über den Rand hinaus, aber bis zum Möglichen. Und das ist die größte Gefahr, dass man sich verschätzt.

Sie haben in der Kindheit Beatles et cetera gesungen. Wieviel Pop, wieviel Jazz singen Sie jetzt noch?

Mühlemann: Sehr wenig, leider. Es bleibt natürlich nicht so viel Zeit, und wenn man dann mal Zeit hat zu singen, dann muss man irgendetwas üben. Aber ich höre mir sehr viel andere Musik an. Wenn man im Urlaub ist oder auf Hochzeiten von Freunden, kann es auch vorkommen, dass ich Pop singe. Aber die Klassik hat mich sehr eingenommen, und das ist ein so großes Feld, wo man sich nie ausgetobt hat. Deswegen bin ich auch so glücklich in der klassischen Musik, weil es immer wieder etwas Wunderbares zu entdecken gibt.

Sie haben mal gesagt, dass Ihnen eine neue CD-Einspielung viel wichtiger ist als zum Beispiel ein Debüt in der Mailänder Scala. Stimmt das?

Mühlemann: Ja, tatsächlich. Ich bin ein Aufnahme-Nerd. Wenn ich sage, ich habe hundert Pamina-Arien gehört, dann meine ich das so. Ich habe früher in Aufnahmen nach dieser Ästhetik gesucht und mir immer das Beste angehört. Es gibt nichts Schöneres, als selber seine Auswahl aufzunehmen mit den Leuten, die man am meisten mag.

Das Gespräch führte Sabine Lange

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassik à la carte | 12.12.2018 | 13:00 Uhr